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Studien über Geld- und Bankwesen / von Karl Helfferich
Entstehung
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Willensthätigkeit an. Eigentum, Recht, Staat und ebensodas Geld führte man auf einen gemeinsamen Gründerwillen desMenschengeschlechtes oder eines bestimmten Volkes zurück.

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Zweckmässigkeitsgründe dachte man sich bei solchen Überein-künften als das Bestimmende. Um den bellum omnium contraomnes zu vermeiden, schloss die Menschheit den Gesellschafts-vertrag. Um den Tauschverkehr zu erleichtern, schuf sie einallgemeines Tauschmittel. Wegen ihrer besonderen Vorzüge be-stimmte sie schliesslich die edeln Metalle zur Verrichtung vonGehlfunktionen.

Diese Anschauungen sind heute längst überwunden, wenigstensin der Wissenschaft. Von einerUbereinkunft" sprichtniemand mehr, weder von einer Übereinkunft, die das Geld ge-schaffen, noch von einer Übereinkunft, die dem Gelde seinenWert verliehen; auch die letztere wurde nämlich gelegentlichsupponiert, sie lebt sogar heute noch in dem schönen Satze fort,den man hin und wieder einmal hört,Das Geld ist eine An-weisung von jedermann auf jedermann". Aber in wissen-schaftlichen Kreisen sind Theorien dieser Art heute völlig ab-gethan. Hier ist die unbewusste Entwickelung ganz undgar anerkannt.

Nur in der Ansicht über die Gründe, welche diese un-bewusste Entwickelung bestimmten, weichen die beiden Haupt-gruppen der wissenschaftlichen Nationalökonomie, die historischeund die deduktive Schule von einander ab; auch ausserdemin wenigen unbedeutenden Einzelheiten. Ich beabsichtige nicht,über die Entwicklungsgeschichte des Geldes überhaupt zuschreiben, sondern nur über die Entwickelung des metallischenGeldes zu Münzsystemen; deshalb gehe ich auf die ersten An-fänge des Geldes schlechthin hier nicht ein, sondern begnügemich, auf eine Abhandlung von Lötz ] ) über diesen Gegenstandund auf die dort angezogene Litteratnr hinzuweisen. Es sei hiernur das erste grosse Resultat der Entwickelung konstatiert: ImLaufe der Zeit übernahmen die Edelmetalle immer mehr die Rolledes allgemeinen Tauschmittels, und schliesslich wurden sie dasalleinige Geld.

') Walter Lötz,Die Lehre vom Ursprünge des Goldes", in den Jahr-büchern für Nationalökonomie und Statistik, dritte Folge, Bd. YII, lieft 3.