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den Selbstverlag hervor: — das ist, zusammengedrängt gesprochen, dasEntwickelungsscheina des Reichschcn Zeitalters.
„Der Buchhandel", mit diesen Worten zeichnete Goethe ^ die ge-ringe Schwingungsweite der gegensätzlichen Bewegungen zwischen Ver-leger und Autor zu einer Zeit, in der der Schriftsteller gleichsam nochnicht vom Baume der Erkenntnis genossen hatte, „bezog sich in frühererZeit mehr auf bedeutende, wissenschaftliche Fakultätswerkc, auf stehendeVerlagsartikel, welche mäßig honoriert wurden. Die Produktion vonpoetischen Schriften aber wurde als etwas Heiliges angesehen, und manhielt es beinahe für Simonie, ein Honorar zu nehmen oder zu steigern.Autoren und Verleger standen in dem wunderlichsten Wechselverhältnis.Beide erschienen, wie man es nehmen wollte, als Patrone und Klienten.Jene, die neben ihrem Talent, gewöhnlich als höchst sittliche Menschenvom Publikum betrachtet und verehrt wurden, hatten einen geistigenRang und fühlten sich durch das Glück der Arbeit belohnt; diese be-gnügten sich gern mit der zweiten Rolle und genossen eines ansehnlichenVorteils: nun aber setzte die Wohlhabenheit den reichen Buchhändlerwieder über den armen Poeten, und so stand alles in dem schönstenGleichgewicht. Wechselseitige Großmut und Dankbarkeit war nicht selten:Breitkopf und Gottsched blieben lebenslang Hausgenossen; Knickerei undNiederträchtigkeit waren noch nicht im Schwange."
Gellert war der Typus einer Übergangszeit in der Geschichte desdeutschen Schriftstellers, in der dieser, wurzelnd noch in den Begriffenund Anschauungen einer ältcrn Zeit, doch bereits die Leistungen einerneuern hervorbrachte, gleichsam ohne sich dessen recht bewußt zu werden.Gellert, der mit den „Fabeln" vielleicht das meist gelesene Buch desganzen 18. Jahrhunderts geschrieben hat, lebte still und zufrieden in derStellung eines müßig besoldeten Professors und in dem Bewußtsein desmoralischen Unterrichts, den er den Zeitgenossen erteilte. Als er dieFabeln Breitkopf anbot, lehnte dieser den Verlag ab; Wendlcr (1713—1799), der Sohn eines Nürnberger Schusters, gab ihm dafür proBogen „einen traurigen Dukaten" oder 1 Nthlr. 8 gr. (4 fl. 52 kr.)ein für allemal, was im ganzen ein „Trinkgeld" — so drückte sich Gleim^aus — von 31 Gulden oder 20 Rthlr. 16 gr. ausmachte, und wurdedavon ein reicher Mauu. Zwei Jahrzehnte, nachdem Wendlcr sich mit