Lescgesellschaft.
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worden"", und Kant 1798: „Die Lcsercy ist zum beynahe unentbehr-lichen und allgemeinen Bedürfnis; geworden."^
Die Erscheinungen, in denen sich das steigende Lesebedürfnis indeutlicher und für die Zeit bezeichnender Weise spiegelte, waren die derLescgesellschaft und der Lesebibliothek (Leihbibliothek).
Die Einrichtung von Lese- und litternrischcn Gesellschaften gingnicht vom Buchhändler, sondern vom Publikum aus, und zwar vonden Studierten: von Lehrern, Geistlichen, Beamten. Die im Jahre1779 in Stralsund gegründete Lescgesellschaft^ ist die früheste der ver-schiedenen Lcsegcscllschaftendie uns in den Journalen der letzten Jahr-zehnte des 18. Jahrhunderts begegnet sind; möglicherweise werden sichschon in früherer Zeit solche nachweisen lassen; seit den achtziger Jahrenbilden sie jedenfalls eines der bezeichnendsten Merkmale eines Zeitalters,für das die Zeitgenossen die Bezeichnung des „papierenen" prägten.Es gab zweierlei Arten, in denen diese Gesellschaften ihren Zweck, mitmöglichst geringen Kosten der Lektüre zu huldigen, zu erreichen suchten:entweder ließen sie die Bücher unter den Mitgliedern eirculicrcn —wie es beim Abonnement auf Zeitschriften üblich war —, oder manhatte ein gemeinsames kleines Lesekabinett; nicht selten waren beide Artenverbunden. Die Bücher beschaffte man sich auf doppelte Weise. Ent-,weder hatte der Buchhändler, mit dein man in Verbindung stand, gegendie Verpflichtung der Gesellschaft, ihm jährlich Bücher und Monats-schriften in der Höhe einer bestimmten Summe abzukaufen, jedes ge-wünschte Buch auf einige Wochen zu leihen"; oder die Bücher wurdenauf gemeinsame Kosten angeschafft, dann wnrdcn sie nach dem Umlaufentweder unter den Mitgliedern versteigert, oder man bildete darauseine stehende Bücherei, oder endlich sie wurden von einer andern Bi-bliothek übernommen: so z. B. die Bücher der Stralsundcr Lescgesellschaftvon der dortigen Gymuasialbibliothek.
Die Gesellschaften waren zum Teil aufs peinlichste organisiert; dieUlmcr Lesegesellschaft — in den neunziger Jahren — hatte einenSekretär, einen Bibliothekar, einen Kassierer, einen „Ökonom", jedenmit einein Gehilfen, endlich einen Revisor. Man fühlte sich mit Stolzals Mitglied einer littcrarischcn Vereinigung. Gerade die Ulmer Gesell-schaft ist recht bezeichnend dafür; auch dafür, wer sich fühlte: der aka-demisch gebildete Bürger. Es war eine Art Ereignis, als bei dem