Verbreitung der Lektüre.
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bcstand und die Mitglicderzahl gesticgcn war auch kostbare Reiscbeschrci-bungcn. Die Mühlbachcr Lcscgcscllschaft bevorzugte Weltwcisheit undGeschichte Siebenbürgens und der sächsischen Nation.^'
Der erste nicht vom Publikum, sondern vom Geschäftsmann unter-haltene Journalzirkel („Lesekreis") ist uns erst in einer Nachricht ausdem Jahre 1806 ausdrücklich als solcher nachweisbar. Er bestand inLicgnitz, wurde betrieben von dem Lcihbibliothekar und Accisc- und Zoll-einnchmcr Riedel, enthielt gelehrte Zeitungen und kritische Blätter,Journale wie den Frcimüthigcn, Beckers Nationalzcitung, die eleganteWelt, den Europäischen Aufseher, London und Paris , die Minerva, dieLittcrarischc Zeitung uud wurde benutzt von 8V städtischen Bewohnernbesonders der höhcrn Klassen sowie Gutsbesitzern, Predigern und Amt-leuten der umliegenden Dorfschaften."
Ist die Lesegesellschaft ein Erzeugnis gesteigerter Zunahme der Lek-türe in denjenigen Kreisen der Bevölkerung, welche seit Alters den Kernder Lesewclt des höhern und in beständigem Wandel begriffenen Bücher-markts gebildet hatten: so ist die Lcsebibliothck das Zeugnis einer außer-ordentlich gesteigerten Verbreitung und Verbreiterung der Lektüre.
Sulzcr hielt es im Jahre 1765 kaum der Mühe wert, etwas fürdie Zeitgenossen zu schreiben, solange die Bücher nur in die Hände vonProfessoren, Studenten und Journalschreibcrn kämen, die doch von derNation einen unmerklichen — und unbemerkten Teil ausmachten. Wennes in Deutschland ein besonderes Publikum gebe, das nicht aus gelehrtenProfcssionsverwandtcn bestehe, meinte er, so müsse er gestehen, dieses Pu-blikum nicht kennen gelernt zu haben. ^
Wie anders klingen die Äußerungen hierüber aus den letzten Jahr-zehnten des 18., den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts! Das Lesen,das „sonst unter gewissen Volksklassen zn den Seltenheiten gehörte",war jetzt ein „allgemein befriedigtes Bedürfnis".^ Wie hier, so istsich auch sonst überall die Zeit gerade dieses Unterschieds zu einer ver-gangenen Periode des vorherrschend gelehrt-literarischen Bedürfnissesaufs stärkste bewußt.^ „Man liefet selbst da, wo man vor zwanzigJahren noch an kein Buch dachte; nicht allein der Gelehrte, nein auchder Bürger und Handwerker beschäftiget sich mit Gegenständen des Nach-denkens", heißt es jetzt (1795)^; der Buchhändler, sagte ein BrcslancrBuchhändler im Jahre 1797, macht seinen Debit nicht allein an Ge-