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Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft / Johann Goldfriedrich
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5. Kapitel: Dcr Bücheriiun-tr,

lehrte, sondern hat Abnehmer aus allen Stünden^'; derHang zumLesen" wurdetäglich allgemeiner" und verbreitete sich unteralleStände" (1799).^ Früher lasen die meisten ihre gemeinen Volks-bücher, eine Hauschrouik, eine Postille u. dergl., ein altes Kräutcrbuchund den jährlichen Kalender. Aber jetzt? Das Zeitalter ist von derLescscuche" befallen!^ Im Jahre 1806 warfen die Schleichen Provin-zialblättcr einen Blick zurück auf die Zeit, die uns hier beschäftigt.Früher, so schrieben sie, war das Lesen gewöhnlich nur die Beschäftigungder Gelehrten und der wirklich Gebildeten; jetzt ist es allgemeine Sitte,selbst der Niedern Stände; nicht nur des männlichen, sondern sogar desweiblichen Geschlechts; nicht nur der Bewohner der Stadt, sondern auchder des Landes. Wie, fragen sie weiter, wenn das Büchcrlcsen erst diearbeitsame Volksklasse ergreift? Wenn die Lektüre, die eigentlich nurSache der Gelehrten und Gebildeten ist, den Künstler und Handwerkerfesselt? Wenn sie die Jugend ergreift? Es wird nicht lange währen,und in Künsten und Handwerken liegen die Geschäfte darnieder. Denngelehrte Lektüre geht ja über ihr Verständnis; ihre Lektüre werdenschwärmerisch-lüsterne Nomanc und Zeitungen bilden. Die Bürgers-tochter, die in die Küche gehört, liest schon jetzt in der Hausflur ihrenSchiller und Goethe, und das verbildete Laudmüdchcu vertauscht dieSpindel mit Kotzebucs Schauspielen.^ Und der Dresdener Obcrhof-prcdiger Neinhart rief um dieselbe Zeit strafend aus, daß ein großerTeil des Mangels an häuslicher Glückseligkeit, über den mau jetzo klage,von der unseligen Leselust herrühre.Heutiges Tages ist nicht leicht einFrauenzimmer von einiger Erziehung, das nicht läse; der lesende Theilfindet sich jetzt unter allen Ständen, in Städten und auf dem Lande,sogar die Musketiere in großen Städten lassen sich aus dcr LeihbibliothekBücher auf die Hauptwache holen", schreibt ein Journal ^" im Jahre1780. Möser"" sprach von dcr unersättlichen Leselust aller Stände,Meiners berichtet von einen? gemeinen Bauern, der die Werke Friedrichsdes Großen gelesen hatte, und ein Hanauer Schneidermeister besaß eineBüchcrsammlung von 3600 Bänden.^

Trat der Journal- und Bücherzirkel damals durchaus nur in derGestalt des Privatuntcrnchmens auf, während wir sehen werden, daßauf dem Gebiete des Lesekabinetts der Buchhändler den Privatmann weithinter sich ließ, so war die Leihbibliothek (auch Lcsebibliothek oder Lehr-