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Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft / Johann Goldfriedrich
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5. Kapitel: Der Büchermarkt.

dicners als der höheren Angestellten". Die deutschen Bibliotheken warenfast ausschließlich Präsenzbibliotheken; daß die Kurfürstliche Bibliothekzu Dresden , schon im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts, Büchernach auswärts verlieh, wurde als ganz besondere Liberalität empfunden.Ein jährlicher Fond wurde für die Kurfürstliche Bibliothek zu Dresden (3000 Rthlr.), die Königliche zu Berlin (2000 Nthlr.) und die Herzog-liche zu Stuttgart (3000 fl.) erst um 1790 ausgesetzt. Der bibliotheks-geschichtliche Charakter auch der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts istmit einem Worte im ganzen noch der umgekehrte wie der im 19. Jahr-hundert sich gestaltende: wir befinden uns noch im Zeitalter der uni-versalen Privatbibliothck; erst zu Ende des ersten Viertels des 19. Jahr-hunderts wird von den Zeitgenossen festgestellt, daß die Bibliotheken derGelehrten nun immer mehr zusammenschrumpfen und immer ärmer anSeltenheiten und Kostbarkeiten werden. Auffallend ist freilich dasKlemmsche Verzeichnis der vorzüglichsten Privatbibliotheken seit 1700.Es gibt für den Zeitraum von 1740 bis 1805 48 Bibliotheken mitJahresangabe (des Katalogs) und 17 ohne Jahrcsangabc an, und von dencrstern kommen 24 auf das Jahrzehnt 17401749 (davon 1 ausSüddeutschland), 13 auf das Jahrzehnt 17501759 (davon 2 ausSüddcutschland), aus die viereinhalb Jahrzehnte von 1760 bis 1805 zu-sammen aber nur 11 (davon 1 aus Süddeutschland).

Die Äußerungen, die wir oben betreffs einer Ausbreitung derLektüre über alle Stände anführten, dürfen einmal noch nicht durchausmit dem Maßstabe späterer Zeiten gemessen werden, sodann darf mansich nicht verführen lassen, über der bloßen Vorstellung einer räumlichenAusbreitung über eine immer größere Zahl von Köpfen die innereSeite der Wandlung» zu übersehen. Gewiß hat sich der Kreis der Lese-welt ziffernmäßig nicht nur absolut, sondern auch relativ erweitert; vorallen Dingen aber haben wir uns die Veränderungen, die in der Weltder Leser im allgemeinen vor sich ging, als eine Veränderung des Pulses,des Tempos, der Erregbarkeit vorzustellen. Die Qualität der Bücherund die Qualität der Leser wurde eine andere. Das haben Männer wieNicolai und Fichte besonders scharf und deutlich ausgesprochen. DieZeit der schönen dicken Postillen, der ccntnerschweren Konsultationen, derArzneibücher in Folio, der Oxsra. onmm, der klassischen Autoren undKirchenväter in vielen Folianten, der theologischen Bedenken und Leichen-