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5. Kapitel: Dcr Büchermarkt.
daneben eine häufig wieder aufgelegte billige Ausgabe zu 2,io Mk. (8 gr.).Daneben aber standen die Einzel- und besonders Sammelnachdrucke, dieeine so ungeheure Verbreitung hatten, und standen die Lcscgcsellschaften,die die Kosten für den Einzelnen so wesentlich verbilligten, und noch mehrdie Leihbibliotheken. Trotz ihrer hohen Preise fanden die Originalaus-gaben Absatz, und namentlich die Dramen und Schriften wie Schillers „Geisterseher" lebhaften Absatz; die hohen Auflagcu von 3500, 4000 Exem-plaren waren zum Teil iu Zeit von drei Monaten vergriffen und wurdenwiederholt neu veranstaltet. Was die Lektüre der Klassiker überhauptbetrifft, so schildert uns die Litteraturgcschichte ihre ungeheure Ausbreitungund Wirkung; und nicht nur sie, sondern Buchhändler selbst buchtenes; Perthes sagte, Schiller sei noch bei seinen Lebzeiten nach GeliertDeutschlands gelescnster Schriftsteller gewesen. Merkwürdige und ganzanders lautende Äußerungen stehen dem gegenüber von sciten zeitge-nössischer Sortimcutcr, die, ohne der Nachwelt ein allgemeines Urteilüberliefern zu wollen, gelegentlich und unmittelbar aussprachen, was siean ihrem Leibe erfuhren. Wilhelm Fleischer in Frankfurt a. M. machtedie Erfahrung, daß die wenigen Käufer klassischer Schriften — Zolli-kofers, Herders u. dcrgl. — sich dergestalt unter dem großen Haufenverloren, daß Diogenes sie mit der Laterne gesucht Hütte. „Man sagemir nichts von dem Absätze dieser Schriften. Im Verhältnisse dcr ihneneigentümlichen Popularität, in einem Menschenhaufen von dreißigMillionen, kann der Debit gar nicht in Anschlag kommen."^ LudwigKehr etablierte sich im Jahre 1797 in Kreuznach, ausgerüstet, der bestenAbsichten voll, mit ciucr wohlgcwählten Leihbibliothek aus den Schriftenvon Schiller, Goethe, Lessing, Klopstock, Wicland, Gellert, Rabener ,Ramler, Hagedorn, Tieck , Tiedge, Gleim, Kleist, Hölty, Lichtenberg,Matthisson , Uz, Michaelis, Kramer, Pfcffel, Salis u. f. w. Zu seinergroßen Enttäuschung mußte er die Erfahrung machen, daß kein Menschsie lesen wollte.^ Ebenso erzählt Mallinckrodt in Dortmund im Jahre1800, die Schriften Lessings, Wiclands, Goethes und so viele andereklassische Werke — er rechnet auch diejenigen Klingers und Müllers„Komische Romane aus den Papieren eines braunen Mannes" dazu —würden verhältnismäßig wenig gelesen, die elende literarische Massen-produktion überschwemmte sie. ^ Karl Prcusker trat im Todesjahre Schillers bei K. F. Köhler iu Leipzig als Lehrling ein und nennt in seiner Selbst-