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5. Kapitel: Der Büchermarkt,
keine Nation ein ähnliches aufzuweisen hat. Nun erst erfuhr Deutsch-land , was überall literarisch in ihm vorging, es lernte sich selbst kennenund kam eben dadurch in nähere Verbindung mit sich selbst. Die Auf-gabe war nicht klein und damals ganz neu, berühmte und achtungswerteMänner in allen deutschredenden Landen zu einer Schrift zu vereinigen,die hundert Meilen von ihnen gedruckt wurde, durch sie Urteile überdie Werke ihrer Gegend und Nachrichten über den dortigen wissenschaft-lichen Zustand einzuziehen, die nur an Ort und Stelle richtig abgefaßtwerden konnten. Die wichtige, heilbringende Wirkung leuchtete ein, undso erfolgte mehrere Dezennien hindurch der willige Beitritt einer großenZahl verdienstvoller Gelehrten, um die Stimme einer unparteiischenKritik laut werden zu lassen und eine freimütige, nur der Wahrheitund Vernunft huldigende Denkungsart an die Stelle befangener, aber-gläubischer Vorurteile zu setzen . . . Daher hat dieses Werk eine Wirk-samkeit geäußert, die eine wahre Revolution von der heilsamsten Artin allen Teilen der Wissenschaft und Kultur, ja in der ganzen Denk-weise des deutschen Volks hervorbrachte. Wer drei kritische Werke be-gründet und herausgegeben hat, wie die Leipziger Bibliothek, die Litte-raturbricfe und die Allgemeine Bibliothek, und zwar zu einer Zeit, wonichts Ähnliches vorhanden war, der kann ruhig zusehen, wenn nachhermit frischer Kraft jüngere Kämpfer in die Laufbahn eintreten, die vonihm schon durchmessen worden ist."
Eine Fülle anderer litterarischer Blätter sproß bald daneben empor,freilich ohne auch nur annähernd den Einfluß der „Allgemeinen deutschenBibliothek " zu gewinnen. Klotzens 1767 als Konkurrenzunternehmender Nicolaischen Bibliothek gegründete Hallische „Deutsche Bibliothek"ging schon 1771 wieder ein. Gerstenbergs die Ideen der Sturm- undDrangzeit vertretenden „Schleswigsche Merkwürdigkeiten" erschienen nurzwei Jahre lang (1766/67); die alten „Frankfurter gelehrten Anzeigen "erlebten ihr großes Jahr 1772, in dem Goethe, Herder, Merck, Schlosserhier ihre Ansichten verkündeten, verloren aber dann wieder alle Be-deutung. Und auch das gegen die Stürmer und Dränger gewandte„Göttingische Magazin" von Lichtenberg und Forster (1780—1782) bliebohne tiefern Einfluß. Von außerordentlicher Bedeutung dagegen wardas Auftreten neuer freiheitlich gestimmter politisch-litterarischer Zeit-schristen. Es ist schon bei den moralischen Wochenschriften auffallend,