516
hier sollte damit eine vierfache Prachtausgabe der Werke und hinter-lassenen Schriften Voltaires veranstaltet werden. Das Vorhaben wurdeaber durch die Geistlichkeit hintertrieben; und nun pachtete man vomMarkgrafen von Baden die Gebäude der ehemaligen Reichsfestung Kehl ,schaffte die Baskervillesche Offizin hierher, mit der Schriftschnciderei,Schriftgießerei, Kupferstechern und Buchbinderei verbunden war, unddruckte die Werke Voltaires und Rousseaus . Die durchschnittliche Tages-leistung eines Gießers bestand in 3000, die erhöhte Leistung in 3600,die höchste in 4500 Stück Buchstaben. Die Letternmasse bestand aus30 Pfund KöAulus anUmonii und 100 Pfund Blei. Über 20 Setzerwaren in Thätigkeit; 36 Pressen waren täglich im Gang. Das Papierwurde aus England verschrieben. Jeder Bogen wurde von drei ver-schiedenen Korrektoren drei- bis viermal durchgesehen. Über 10 Buch-binder waren täglich beschäftigt, die Bücher zu heften und zu binden.Im Jahre 1784 waren insgesamt 3 Millionen Livres aufgewendet; 1785erschienen die genannten Werke mit dem einfachen Impressum: „Osl'illM'iwörie cke 1s, soeistk littm'mi'ö-t^xoAiÄpllMie" und gingen inalle Welt. Wenige Jahre darauf fiel die Buchdruckerei den Stürmender Revolution zum Opfer.^
In den siebziger, achtziger Jahren wurden die Firmen jenes süd-westlichsten Gebietes an Bedeutung übertroffen von F. C. Schwan inMannheim (Mcßkatalog 1771 fg.). Eine merkwürdige Persönlichkeit:aus Prenzlau gebürtig, Sohn eines kleinen Buchbinder-Buchhändlers,absolviert er das theologische Studium und stürzt sich von der Kanzelweg in ein zwölfjähriges Abenteurerleben, das ihn als Schriftsteller, Hof-meister, Korrektor und Auditcur bis nach dem Haag im Westen undnach St. Petersburg im Osten führt, bis endlich der hauptsächlich mitder Herausgabe der Zeitschrift „Der Unsichtbare" beschäftigte Littcrat inFrankfurt a. M. sein Glück dadurch macht, daß er die Hand der Tochterseines Herrn und Verlegers gewinnt. Der Frankfurter Verleger Eß-linger gab ihm seine Mannheimer Filiale zur Mitgift. Rasch wuchssie unter ihm in der Stadt, die damals noch Residenz war, zu einemlitterar- und buchhandclsgcschichtlich bemerkenswerten Knotenpunkte heran.Mit Norddeutschland, speziell Leipzig und Berlin in engster Verbindungstehend, nahm er zu den entscheidenden Fragen der Zeit — wir habenweiter oben davon gehört — in der verständnisvollsten und energischsten