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Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft / Johann Goldfriedrich
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8. Kapitel: Das bibliopolischc Deutschland .

ins Reichsche Zeitalter fiel oder darin anhob, man wird keine findenvon der Festigkeit und zugleich der reinen Tiefe und Weichheit desPcrthcsschen Charakters, und jene Zeit hatte noch keinen Raum für einendeutschenOrganisationsrath" (so nannte man ihn spottend), wie esGöschen wurde wir werden davon noch hören. Reich, Nicolai undan wen man sonst denken mag: sie ermangeln der seelischen Wucht unddes praktischen Wirkens im Ganzen; sie erscheinen gegenüber demCharakter der neuen Zeit gleichsam glatt, eng, kleinlich. Aber lassenwir jetzt diese seelischen Unterschiede ganzer Zeiten. Perthes hat aufdas Denkmal des deutschen Buchhandels zu Ende des 18. Jahrhundertsdie lapidaren Worte geschrieben:Der Charakter des Buchhandels warRohheit". Allein so ganz vereinzelt hoben sich Männer von höhererBildung und Sclbstbildnng keineswegs aus der Masse der Buchhändlerheraus. Blicken wir doch nur zurück auf die Männer, die bei unscrmraschen Überblick über das bibliopolischc Deutschland an nnscrm Augevorübergezogen sind; welche Fülle hochgebildeter Persönlichkeiten! es istunmöglich sie alle aufzuzählen.

Der Buchhandel war ein freier Beruf, nicht anders fast wie derdes litterarischen Schaffens selber; das setzte ihn dem Eindringen wenigerfreulicher Elemente aus, schaffte ihm aber auch den beständigen Zuzugunternehmender Männer aus kaufmännischen und gelehrten Kreisen;brachte eine Skala zu Staude, die von Leuten wie dem Friseur, dannPferdeverleiher Baum in Berlin , der sich in den achtziger Jahren dortetablierte und auch die Stahlvaumsche Buchhandlung erheiratete (erfallierte bald, da er keinen Verlag zu entwickeln verstand, und starb1795 im Schuldgcfängnis), bis zu Cotta hinaufführte. Und in welchunmittelbarer Verschmelzung traten damals öfters schriftstellerisch-gelehrter und gcschäftsmännisch-buchhändlcrischer Beruf auf; denken wirnur an Persönlichkeiten wie Bertrich, Campe, Becker. Dabei bestandaber ein im ewigen Wechsel dauernder Kern einer fachmännisch er-zogenen Buchhündlcrwelt, die, sei es, daß sie aus dem Buchhandel selbsthervorging, sei es, daß sie sich aus neuen Kräften ergänzte, im Ganzeneine außerordentlich tüchtige und hochstehende war. Noch allen, die sichnamentlich mit den handschriftlichen Zeugnissen des buchhändlerischenGeistes jener Zeit beschäftigt haben, ist dabei die tüchtige Bildung, dieGewandhcit der Formgebung, das Treffende des Ausdrucks, die Sicher-