331
stand, den die Truppen fanden, war stärker, als man je vermutethätte. Bis in die Nacht dauerte er fort. Der König wußte nicht,was er thun sollte; er war von der Bewegung der Zeit selbstmehr ergriffen, als er sich gestehen mochte, und war uuu um sotrostloser über das Bürgerblut, das er vergießen sollte. GegenMitternacht entschloß er sich den Truppen zu befehlen, ihre An-griffe einzustellen, am anderen Tage, am 19. März, folgte derweitere Befehl die Truppen iu die Kasernen, und dann die Weisungsie aus der Stadt zu führeu. Über Anlaß und Fassung dieser Be-fehle besteht noch mancher Zweifel, aber das Ergebnis war, daß nuudie Revolution die Herrschaft über Berlin gewann. Der König warin ihrer Gewalt. Die Truppen, die nicht besiegt waren, die viel-mehr leicht den vollen Sieg hätten gewinnen mögen, hatten wieBesiegte abziehen müssen: alle Gewalten, auf denen das altePreußen beruhte, schienen gebrochen und geschändet zu sciu.
In der Nacht schrieb der König eine Proklamation „Anmeine lieben Berliner", die am srühen Morgen angeschlagen war,die aber mehr einen Einblick in die Zerrissenheit und Fassungs-losigkeit des Königs gewährte, als daß sie hätte Vertrauen undRnhe zurückführen können.
Der Kampf wurde da erklärt als ein Produkt des Zufalls,daß sich zwei Gewehre entluden, nnd daß „eine Rotte von Bvse-wichtern, meist aus Fremdeu bestehend", diesen Zufall mißbrauchte,um „die erhitzten Gemüter vou vielen meiner treuen und liebenBerliner mit Rachegedanken nm vermeintlich vergossenes Blut" zuerfüllen. So wäreu die Truppen gezwungen worden von der WaffeGebrauch zn machen. Diese Worte klangen wie eine Erklärungoder Entschuldigung nnd zwar der Truppen wie der Berliner.Das war gewiß gut gemeint, traf aber den Kern der Sache nicht.Die Berliner wußten, daß sie nicht bloß von einer Rotte von Böse-wichtern versührt worden waren, auch konnten sie sich nicht sogleichmit den Truppen aussöhnen. Die Gewaltthaten der durch denStraßenkamps erhitzten Truppen selbst iu deu Häusern friedlicherBürger waren zu frisch in der Erinnerung und wurden durch dasGerücht zu sehr vergrößert, als daß man sich mit sreuudlichen Wortendarüber hätte hinwegtrösten mögen. Diese Gedanken bildeten den