Zeichen des Umschwungs. Erkrankung des Königs.
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ihnen gegenüber in andern Formen und Maßen anzuwenden alsdem Bauern und Bürger gegenüber.
Und das konnten sie unternehmen, während vor aller Augenlag, wie schwach die Grundlage ihrer Macht war, wie sie lediglichin der augenblicklichen Hosgunst und Hofverstimmuug wurzelte!
In den Jahren 1856 und 1857 mehrten sich die Zeichen, daßes mit diesem Regiment zu Ende gehe.
Die gefürchtete Macht Rußlands war im Krimkrieg zusammen-gebrochen, der scheinbar übermächtige Nikolaus war gestorben inVerzweiflung über seine Ohnmacht. Durch die Staaten Europas begann ein frischerer Wind zu wehen, man schaute mehr nach Paris und London als nach Wien und Petersburg , und der Gewalt-herrscher in Paris sah sich durch Neigung wie durch den Zwang derVerhältnisse darauf hingewiesen, die liberalen Kreise und die natio-nalen Strömungen und Bedürfnifse der Völker Europas zu unter-stützen und sich zu verpflichten.
Zu gleicher Zeit begannen in Preußen die Hofkreise davonzu reden, daß des Königs Gesundheit verfalle. Schon immerhatte er den Eindruck gemacht, daß sein Kopf „anders organisiertsei, als der anderer Leute", und im Sommer 1857 traf ihn dannein Anfall, der sich im September stärker wiederholte und ihn zeit-weise der Sprache und Besinnung beraubte. Es schien rasch zuEnde zu gehen, nnd der Prinz von Preußen zog am 19. Oktober1857 Herrn v. Bismarck zu Rat über- die Frage, ob er gebuudensei, bei seinem voraussichtlich bevorstehenden Regierungsantritt dieVersassung, wie sie sei, anzuerkennen, oder ob er sie vorher einerRevision unterwerfen könne.
Bismarck erklärte, daß kein Rechtsgrund vorhanden sei, dieVerfassung zu ändern, uud daß es auch politisch nicht ratsam sei.Ein solcher Verslich würde zu einem Zwist zwischen Krone undLandtag führen und damit das Ansehn Preußens in Deutschland mindern, zumal das liberale Deutschland allgemein gegen die KronePartei nehmen würde. Auch die europäische AktionsfähigkeitPreußens würde darunter leiden. Man dürfe nicht die Vorstellungnähren, daß bei jedem Thronwechsel auch ein Systemwechsel mög-lich sei.