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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
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Roon und die Verfassung. Die Krönnng.

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seine Wahlzu laut in die Trompete stoßen werde". Er wardamals der ausgesprochene Gegner der liberalen Minister, so schwachauch und so zaghaft sie ihren Liberalismus zur Geltung brachten.Er erklärte es für eine Art Hochverrat, daß der Minister Boninsich in der Politik nicht einfach als Soldat und also als Organder Absichten des Regenten fühle, sondern eine eigene Ansicht ver-trete. Er spottete überdas richtige, konstitutionelle Parfüm", underklärte Ende November 1859unumwunden, daß er von derganzen konstitutionellen Wirtschaft niemals etwas gehalten habe".

Im Sommer 1861 bezeichnete er die Politik der doch sehr ge-mäßigten Kammer als doktrinären Schwindel und redete von derKloake des doktrinären Liberalismus", in der Preußen verfaulenmüsse. War es uicht berechtigt, daß das Volk in der Berufung diesesMinisters die Rückkehr zu dem Regiments der Reaktion sah? Undähnlich dachten auch noch manche andere von den Herren, welche dieUmgebung des Regenten bildeten. Auch der Regent selbst stand diesenAnschauuugen uicht gauz fern, nur daß er sich ihrer zu erwehreusuchte, da er von seiner Pflicht durchdrungen war, die einmal ge-währte Verfassung halten zu müssen. Diese nach den reaktionärenIdealen neigende Grundstimmnng offenbarte sich recht deutlich iu demWunsche, sich nach dem Tode des Bruders uach alter Weise vonden Stünden huldigen zn lassen, obwohl doch die Verfassung dieständische Form des Staates beseitigt hatte. Er ließ sich über-zeugen, daß das nicht wohl angehe, aber nun ließ er sich zum Ersatzin Königsberg am 18. Oktober 1861 feierlich krönen. Schon derAkt selbst blieb dem Volke unverständlich und regte Fragen auf,die keiue rechte Antwort fanden. Mir ist noch hellte in lebhafterErinnrung, wie peinlich der Vorgang auf durchaus gemäßigteund monarchisch gesinnte Männer wirkte. Man hatte das Gefühl,als sollte die romantische Staatsverfassuug von neuem die einfacheOrdnung von Gesetz und Pflicht verwirren.

Unter diesen Umständen mußte die Verschiedenheit der Meinungen,die zwischen der Negierung und der Kammer über die Reorgani-sation der Armee zu Tage trat, verhängnisvolle Wirkungen haben.In dem Hauptpunkte war man einig: das Heer sollte erneuertuud die Zahl der jährlich auszuhebenden Rekruten um etwa die