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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
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Kaiser und Reich.

Wahlen ergaben für die liberalen Parteien einen Verlust von42 Stimmen und damit die Möglichkeit, aus den: Centrum undden Konservativen eine Majorität zu bilden. Dazu entschloß sichBismarck um so leichter, als er sich schon seit etwa zwei Jahrenden Liberalen mehr und mehr entfremdet hatte, weil sie derReform der Steuer- und Zollgesetzgebung widerstrebten, die er fürnotwendig hielt.

Unter den Konservativen und im Centrum fand sich einegrößere Zahl von Abgeordneten hierzu bereit, und der Führer desCentrums nutzte die Gelegenheit mit dem größten Erfolge zur Re-vision der Kulturkampfgesetze aus. Noch ist die Zeit nicht gekommenum zu sagen, in welchen Stücken der Staat anfangs zu weit ge-gangen ist und später zu weit nachgegeben hat. Die Meinungen auchruhig Urteilender gehen darüber weit auseinander aber falschist die weit verbreitete Ansicht, als sei von jener ganzen Gesetz-gebung nichts Wesentliches erhalten worden, als habe die katholischeKirche alle ihre früheren Rechte zurückerobert, als sei Bismarcktrotz seines Gelübdes wirklich nach Kanossa gegangen. Die Ar-tikel 15, 16 und 18 der Verfassung mit ihrer abstrakten Forderungder Selbständigkeit der Kirche wurden nicht wiederhergestellt, undder Staat hielt das Recht fest, die Grenzen seiner Befugnis selbstzu bestimmen. Es blieb ferner der Kanzelparagraph, ein Rest desOrdensgesetzes und der Anzeigepflicht, sowie das Jesuitengesetz, undvor allen: die Schulaufsicht und die Civilehe nebst der weltlichenRegelung des Personenstandes. Weiter bewirkte dieser Friedens-schluß, daß die staatsfeindliche Tendenz, welche das gefährlichsteElement in der Centrumspartei bildete, geschwächt wurde, und daßdie patriotischen Gefühle ihrer Anhänger wieder freiere Luft undSpielraum gewonnen haben. Das ist eine Erlösung und Be-ruhigung sür manchen wackeren Mann und für den Staat einwichtiger Fortschritt.

Beendet ist übrigens der Kampf selbst heute kaum zu nennen.Die Erregung zittert noch nach und wird von der ultramontaneuAgitation iu der Presse und in Vereinen geflissentlich unterhalten.Auch die Wirkungen des Kampfes gehen noch weiter. Der kirch-liche Eifer der Laien und der Einfluß der Priester in der katho-