Klassische Kritik. — Trippel und David.
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Die in Rom thätigen deutschen Künstler beobachtete mandenn auch vom Vaterlande aus mit wachsender Teilnahme. Seit1778 war der Schweizer Alexander Trippel der gefeiertste unterihnen, der Schweizer, der in Kopenhagen und Paris seine Schulegemacht hatte; er war der einzige, welcher neben Canova seinenPlatz behauptete, wohl mit Mühe, unter schwerem Kampf, doch alsein Selbständiger, der sich mit Wort und Meißel feiner Haut zuwehren wußte. Er ist vergessen worden von dem undankbarenGeschlecht der folgende», obgleich er es war, der zuerst den Kampfgegen die noch stark aus dem Rokoko geborene Nnmnt Canovasaufnahm, als ein Vorläufer Thvrwaldsens, vor dessen Ankunft inRom er starb (1793). Schon sein Landsmann Geßner fand inihm das Simple, Schöne, Große der Antike neu erweckt, Zoega,der dänische Archäolog, stellte ihn Canova zur Seite und erhob ihndamit in den Augen seiner Anhänger in die erste Reihe der Künstler.Trippel hatte noch einen Zug zum Thatsächlichen, zur ruhigen, red-lichen Naturbcobachtung, der sich sogar in einer Prächtigen Büsteeiner reifen Fran in Mütze und Spitzenmieder der älteren Auf-fassung des Sittenbildes näherte. Seine Statnen, namentlich amDenkmal Tschernitschefs zn Jaropolz, sind von einer großen Ruhe,fast zn wenig bewegt, zn streng in der Absicht, die Linie derRokokoanmnt, die L-Schwingnng zu überwinden, die Gestalt vorallem ans den Knochen aufzubauen, statt sie in den Gelenken zubewegen: daher etwas trocken, in der Haltung geradlinig, aber anchohne jenen süßlich einschmeichelnden Zug, der der thränenfeuchtenZeit so angenehm war. In einem wichtigen Augenblicke desrömischen Knnstlebens faßte er klar und sicher seine Stellung.Damals, als der große Jacques Louis David , schou als derWiederhersteller der französischen Malerei gefeierte, im Auftrage desKönigs in Rom (1785) seinen Schwur der Horatier malte. Eineiskalter Schauer ergriff Wilhelm Tischbein , als er den Ernst derSchwörenden sah; ganz Rom hatte sich in Parteien getrennt; es kamzu Schlägereien in den Schänken über die Frage, ob Davids Bildüber oder nnter Rafael zu stellen sei. Trippel urteilte sehr kühl.Es ist bemerkenswert, wie er dies thnt. Während die zuströmendenBeschauer sich am Gegenstand, an der Größe und schlagenden Kürze