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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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II. Die Klassiker.

die die Hörer wohl verdutzt haben mag. Bisher war die Theorie derKunst eine solche gewesen, daß die Künstler sie verstanden. Daswar nun vorüber: Fernow sah ein, daß die Dinge so einfach nichtlagen, wie die Künstler dachten. Er nahm sie mit philosophisch-wissenschaftlichem Ernst, er ist einer der ersten unter den Kritikern,die über Kunst so gelehrt schrieben, daß den Künstlern schwer, jaunmöglich wurde, ihnen zu folgen. Die heranwachsende Wissenschaftder Ästhetik beginnt sich in der Kritik bemerklich zn machen. DieKünstler aber hatten den kindlichen Glauben, daß sie doch die Sachebesser verständen als die Kritik, selbst wenn ihnen die Ästhetik einBuch mit sieben Siegeln blieb. Lächelnd wehrte die Wissenschaft sieab: Lerut deuten, so werdet ihr bilden können!

Nur einer wendete sich öffentlich gegen Feruows Austreten,Friedrich Müller, der sogenannte Maler Müller , der seit1778 in Rom lebte, nachdem er als Künstler wie als Dichter sicheinen Namen gemacht hatte. Als Dichter eine der beachtenswertestenPersönlichkeiten der Zeit, geneigt, die dichterischen Moden mitGeschick aufzunehmen; als Lyriker den Volkston treffend, in seinenIdyllen Voßens Art jener Geßners gegenüberstellend; nicht ohnetieferes Gefühl für das, was wirklich bäurisch ist, gegenüber derLandmann-Schwärmerei der Zeit; als Dramatiker dadurch be-merkenswert, daß er sich an die Faustsage wagte, und in Golo undGenoveva die deutsche Geschichte auch nach dem Götz von Berlichingen mit Eigenart zu behandeln wußte also keinAlter", keinerder am Bestehenden ängstlich sich festklammert. Auch in der Kunstzum mindesten kein Akademiker von reinem Wasser. Er schafftantike Stoffe, anch er müht sich Ulysses und Ajax ans dem Reichder Schatten herauszurufen. Aber er radierte auch uu't flinker Nadel»ach der Natur, in der Absicht ans Wahrheit und mit Geliugeu.Müller schrieb gegen den Carstens anpreisenden Aufsatz Fernows1797 iu Schillers Hören. Er schreibt sehr scharf, sichtlich geärgertüber das Treiben der beiden, über Carstens Neigung seinen Stuhlauf den Nacken der römischen Künstlerschaft zu setzen, in berech-tigter Verteidigung dieser gegen den kecken Angriff, der in FernowsVerkündigung einer nenen, einer besseren Knnst liegt. Er siehtEarstens als einen Kranken an, nicht für einen Bruder der Titanen.