Carstens und Fernoiv.
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Kindern. Wohl mag er Winckelmanns Wörterbuch der Allegorienachgeschlagen haben, wohl geht die Gestalt der Parze unmittelbarauf eine Sybille Michelangelos zurück. Aber die Allegorie hatLeben, die Gelehrsamkeit wie die Anlehnung ist überwunden zueigenem sinnlichen Schauen des Gegenstandes, zu einer Stimmung,die wie jene lyrischer Dichtungen Goethes aumutet: es geht eininneres Schandern, ein Ergriffensein von diesem Werke aus, dasnur aus der eigenen Ergriffenheit des Künstlers kommen kann.Ich sehe im Kunstwerk den Vollmenschen, der sich auslebt in derThat seiner Hände, der ganz er selbst ist, mag er nun antike Gegen-stände behandeln oder mögen seine Borwürfe audereu Zeiten an-gehören. Wohl zahlte er der Zeit ihren Zoll! In vielen Köpfen,in der süßen, nnempfundenen Schönheitlichkeit mancher feiner Linien,in der aufdringlichen Lnst mit Mnsketn zu Prahlen — hierin demMichelangelo unglücklich nachstrebend — in hundert Einzelheiten.Aber es war in ihm der Kern zu einem Anfang. Und der Kernfiel in einen günstigen Boden.
Wundersam ist seine Freundschaft mit Fernow: sie ist nichterklärbar aus der Übereinstimmuug beider, sondern daraus, daß siesich ergänzten. Diesem, dem Priester und Schüler Kants, ist dieUnbedingtheit des Urteils das Entscheidende. Scharf und klardeutend, wollte er die Kunst verstehen, nach Kantschen Grundsätzensie verstehen machen. Er hielt 1794—97 Vorträge für Künstlerin Rom , in welchen er seine Grundsätze entwickelte. Das Wie nndWas, das Wozu jedes Kunstwerkes genau einzusehen und zn be-greifen, war die Absicht — verstand er ein Werk nicht, so war esfür ihn nicht da. So erzählt Friederike Brnn. Er empfand nichtsvor der älteren Kunst; Farbe und Behandlung waren ihm Neben-sache, die Form, soweit sich in ihr der Geist ausspricht, alles. WaSer vortrng, wissen wir aus seinen Schriften, namentlich aus demim Neuen Deutschen Merkur Wielands 1795 erschienenen Aufsatzüber deu Stil in den bildenden Künsten. Da erklingt eine inder Kritik bisher unbekannte Sprache, die Sprache einer philo-sophischen Strenge, einer Schärfe der Begriffserklärnng, eines Auf-baues logisch gefügter Gedaukeu, aber da erklingt auch eine Dürredes künstlerischen Empfindens, eine Kälte des Tones und der Einsicht,