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II. Die Klassiker.
doch von Wunderbarer Schärfe, von einer Helligkeit, die Carstensbefähigte, sich vollkommen auszudrücken, wirklich zu sagen, was ihmvor dem Geiste schwebte. Es ist dies aber, trotz aller Allegorisierereiimmer ein wirklich künstlerisch Empfundenes. Es gehört dazu nnrein wenig Vertiefung in Carstens Art, um aus ihr wieder jeneBegeisterung zu saugen, die seine Frennde und mit ihnen die Nach-lebenden aus ihr sogen. Nicht wie jene meinten, eine absolute,wohl aber eine relativ hohe Kunst schaut in ihm uns entgegen. Nachdem langen, schweren Ringen der Zeit um die Einfachheit, nacheiner vollständigen Askese der Knnst, einem sreiwilligen Trauern inSack und Asche, einer Selbstverwünschung und einer rücksichtslosenSelbstverachtnng im Vergleich zur Antike hier ein Geist voll Kraft,voll jener königlichen Sicherheit das Rechte mit vollem Gelingenzu leisten, voll innerer Befriedigung uach schwerem inneren Kampf,wie sie in ihren Äußerungen stets für die Fernstehenden lächerlicherscheint, den Vertrauten aber erwärmt. Carstens Briefe uud Be-richte an den wohlwollenden und kunstverständigen preußischenMunster von Heinitz, seinen Wohlthäter, erklären uns seine Bilderam besten. Seine schriftlichen Äußerungen sind unglaublich thörichtvom Standpunkt dessen, der sich die Gunst eines Großeu erhaltenwill; es ist ganz klar, daß diese Blätter >— willkürliche Abrisseaus dem Gedanken gang eines geistig Einsamen — dem mit diesemGedankengang nnd dem ganzen Werden des Mannes Unbekannten,znm mindesten wie starke Selbstüberhebung erscheinen mußten;währeud sie doch sür den Nachlebenden nur ein Glied aus derKette der Seelenersahrungen des Ringenden, ein Versuch sich selberMut zuzusprechen, erscheinen, der freilich in falsche Hände gelegtwurde.
Nicht der unbedingte Maßstab ist es, an dem man Carstens, denSchwergeprüften, mühselig zur Muße der Arbeit sich Durchwindenden,den Starrkops, dessen Überzengnngstreue allen strebsamen Lentenals Narrheit erschien, zu messen hat. Man soll ihn seiner Zeit ent-gegenhalten, und zwar den Besten in ihr. So dem Canova, so demDavid. Soviel er ihnen in der Fähigkeit nachsteht, fertige Kunst-werke zu schaffen, so hoch überragt er sie im Empfinden für eigent-lich künstlerische Vorwürfe. Man sehe seine Nacht mit ihren