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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
45
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Carstens.

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Gotik Genie, in jenen der Neueren mir Regeln erkannte, der dievorrafaelischen Künstler schätzte; der sah, wie viel Rafael demMasaccio verdanke; der seinengroßen" Stil von Deutschland mit-brachte und alle jeue Kopisten nach Rafael samt denen, die dieAntike nachahmten, laut verhöhnte. Ihm ist die bildende Knnst eineSprache der Empfindung, die da anhebt, wo der Ausdruck mitWorten aufhört, denu sie hat es mit anschaulicher Darstellung vonBegriffen zn thnn. Man zieh ihn allzuweit getriebenen Allegorisierens.Als er Zeit und Raum nach Kantscher Anschannng darzustellenunternahm, schrieb Goethe an Schiller , das sei Wohl bloß Persiflage,sonst habe man da die tollste Erscheinung, die dem jüngsten Tagder Kunst vorhergehen kann. Schiller schrieb in einem sehr saft-losen Xenion höhnend, nächstens werde man die Tugend tanzen.Sie hatten wohl übersehen, daß die Art, wie die Zeit zu allegori-sieren sei, schon Winckelmann besprochen hatte, nnd daß manCarstens ohne weiteres in Weimar als geistvoll bewundert hätte,wenn er die beiden Gestalten Nranos oder Chronos genannt hätte.

Carstens ist viel alsbloßer Skizzierer" verurteilt worden.Es fehlte der Welt das fertige Bild, der ganze Maler, weil er nichtoder doch wenig malte. Schadow hatte wohl recht, wenn er sagt,er würde nie eine fertige Hand oder ein Bildnis zu stände gebrachthaben; er blickte mit einiger Geringschätzung ans Skizzen einesPietro Testa, La Fage, Salvator Rosa , Flaxman herab. Undnicht mit Unrecht. Denn er war ein Künstler von abgeschlossenemKönnen, von vollkommener Sicherheit in dem zu erreichenden Ziel,der Natnr. Carstens Darstellungen Friedrichs des Großen sindneben seinem Ziethen nicht in einem Atemzuge zu nennen, siesindunbrauchbar", wie Schadow richtig sagt. Uud wenn Fernowglaubt, es gebe nur eine Kunst, so mußte er sich entscheiden, obSchadows Realismus, der Idealismus der Nafael-Kopierer oder dieIdealität Carstens die rechte sei. Er hielt sich an diesen, seinenFreund, desseu geistiges Niugen er durch Jahre mit erlebt hatte.

Denn wenn Carstens anch nicht die Natur mit emsigeu Be-mühen und dauernder Seßhaftigkeit studierte, so wenig wie es einspäter Geistesverwandter und daher anch ganz anders Gestalteter,Böcklin , that, wenn ihm der rasche Eindruck genügte, so war dieser