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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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II

II, Die Klassiker.

So mischte sich hier im Künstler die litterarische Ader derZeit in die bildnerisch schöpferische ein. Es war überall ein regesDenken über die Knnst zu Hause, die Gelehrten kümmerten sich nmdas Schaffen, sie drängten sich in die Werkstätten ein, sie forschtennach deren Geheimnissen. Schon begann man dieueuphilosophischenKünstler und ihren Ton der Jnfallibilität" in Rom zu fürchten,schon mußte man sich gegen die Besserwisserei der Regel, der Kunst-richter wehren; man empfand, daß in dem logischen Erfassen derKuust eine diese beschrankende, einschnürende Kraft drohe. Bis danneiner kam, der den Frieden anbahnte, die Gelehrten beglückte, denKünstlern den Weg zur Winckelmannschnle wies, der SchleswigerAsmus Carstens .

Carstens kam nicht aus einer Akademie er hat sich seinLeben lang mit den Akademien herumgeschlagen, und erklärte1795 in einem Schreiben an den Direktor der Berliner Anstalt,von Heinitz, sie hätten dnrch Tyrannei viele Menschen zu ver-dorbeueu Bürgern im Staate gemacht, das Talent in der Wiegeverkrüppelt, dem Geschmack nach Belieben eine Nase angesetzt. Erkam auch nicht von einein sorgfältigen Naturstudium. Sobald erdie Dinge der Welt mit raschem Auge erfaßt hatte, war er aufsKomponieren ausgezogen, aufs Darstellen eines Vorganges. Erkopierte nicht, er sträubte sich sein Leben lang irgend jemandesSchüler zu seiu. Sein Kampf mit der Kopenhagener Akademie, soverfehlt er in den gesellschaftlichen Formen war, ist als That einesin sich befestigten Kunstwillens eine wirklich sittliche Leistung. Erkämpste für die Freiheit der Kuust gegeu die Regel und dieSchablone. Er vertraute auf seinen Vorrat an Kenntnissen undsetzte seinen Ehrgeiz darein, nie ein Modell zu brauchen, geschweigedenn nach alter Art seine Bilder aus Püppchen sich zusammenzu bauen.

Carstens ist allen seinen Zeitgenossen überlegen in der Sinn-lichkeit des eigentlich künstlerischen Empfindens. Gerade seine mangel-hafte Vorbildung, seine Unwissenschaftlichkeit ist die Stärke seinesWesens. Er verließ sich auf sich selbst und sein Auge; er hatteeinen starken Sinn für das ihm Verwandte, Selbständige. Derwenigen einer, die damals Dürer verstanden; der in den Bauten der