Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 
  

Füßli als Maler, 55

auf ihreu zeichnerischen Aufban, wie sie ihren Mittelpunkt hat, vondein alle Teile ausgehen nnd zu dem alle hinführen, die Handlungnirgend erlischt, der vom Arm des heranfliegenden Gottvaters aus-gehende Funke das neugebildete Wesen elektrisiert, welches zitterndlebendig, halb ausgerichtet, halb uoch zurückgelehnt, seinen Urheberzn begrüßen eilt. Dies Beleben des Kunstwerkes erkennt er alsdie wahre künstlerische Erfindung und das steht ihm sichtlich höherals die geschichtliche Kunst, von der er als wichtigste Aufgabe Er-sassen der zeitlichen Eigenart in ihren Hauptformen, nicht in ihrenNebendingen fordert.

Als Maler ist Füßli nicht leicht zu würdigen. Er hatte mitCarstens die Abneigung gegen das Natnrstndium gemein, ebensodie Mißachtung der Farbe. Er konnte malen: die Zeitgenossen er-zählen, daß er es selbst mit der Linken konnte, wenn die Rechteermüdet war. Aber er hatte nicht eben viel Farbe. Das lag inder Zeit. Denn der Realismus war bei ihr zumeist Anhaften amKleinen, die Farbe ein Nachspüren nach den Abfällen von denPaletten der Vornehmen in der Kunst. Es war ein Schicksalswitz,daß er Lehrer für Malen wurde. Ihm hat seine Begeisterung fürMichelangelo wenig genützt. Denn von diesem nahn: er uur diezeichnerische Breite auf, die Freude an der Mnskelpracht. Auch indieser Richtung ähnelt er Carstens. Diese Pracht ist nur zu oftleer, kahl, aufgeblasen, ohne Leben. Selbst wenn er Shakespeares Titania schildert, verläßt ihn das Muskelpathos nicht; da wirdBottom zu einem fliegenden Herkules, Puck zu einem winzigenAthleteil aufgebläht. Seiue Helden erscheinen wie Preisfechter, seineSchwerter siud Bihänder, deren Stahl sich unter der Wucht dersie Führenden biegt, seine Frauen gehen wie auf Stelzen daher.Er hat keinen Witz. Sein Falstaff wird zum wandelnden Federbett,sein Hamlet ein irrsinniger Seiltänzer. So schildert ihn noch 1860Walter Thornbury , und nicht ohne Grnnd. Aber wenn man dannseine Werke selbst mit diesem Urteil vergleicht, so überkommt einendie Lust, ihn mit dem Maße zu messen, das er selbst an Rembrandt anlegte. Trotz der ungeheuersten Mißgestalt nnd der Leerheit inden auf Größe ausgehenden Linien, ein Künstler, der auf sich selbstbegründet war. Sein Sinn stand auf das Phantastische, auf das