Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
161
Einzelbild herunterladen
 

Koch.

161

nie ganz den Duft der Heimat, die handfeste Geradheit feinesWesens; vergaß freilich dabei nicht, sich in seiner Natürlichkeit etwaszu bespiegeln. In Italien war ihm das Wesen der Kuust auf-gegangen, die er in Deutschland erstrebt hatte. Man mußte ihnaus deu Stanzen des Vatikan dnrch Diener entfernen lassen, weiler in Juchzern und Sprüngen seiner Begeisterung für RafaelAusdruck zu geben sich getrieben fühlte; diese Begeisterung war redlichund nicht aus Büchern erlesen.

Mit Carstens, dem er sich eifrig anschloß, als dessen Erbe ersich sühltc, war ihm die Vedute, das Malen von Aussichten ver-haßt. Er war voll vom Geist der Dichter und sah in der Naturderen Gestalten. Wenn Fernow von der schottischen Landschaftals Grundlage für eine höhere Auffassung spricht, so meint er jeneBilder zu Ossian, die Carstens und nach ihm Koch entwarfen.Keiner von ihnen hatte je schottischen Boden betreten. Sie schufensich eine Landschaft aus den Bildern ihres schottischen FreundesWallis und aus ihrer eigenen Stimmung, aus Anklängen an ihnenbekannte Gegenden, in denen sie sich ossianisch angeregt gefühlthatten. In der Länderkunde hatte er kaum seinesgleichen! so sagtder nüchterne Kestner, natürlich nicht ohne hinzuzufügen: außer denGelehrten dieses Faches. Es gab kein noch so entferntes Land,dessen Gestaltung er nicht kannte. Er malte im Raube des Hylasdie Gegend des Thracischen Bosporus so richtig, daß ein dortherkommender Reisender ihn hierzu beglückwünschte. Im Bilde desAnachoreteu in der Thebais war die Örtlichkeit so getroffen, daßein Engländer ihn frug, ob er in Nubien oder Abyssinien gewesensei. Das alles brachte ihm bei den Zeitgenossen viel Ruhm,ebenso wie seine tiefe Kenntnis des Dante. Das trug ihm vieleEhren ein, war aber wohl gerade der schwache Teil seiner künst-lerischen Natnr. Abyssinien und Schottland kann auch der geist-vollste Maler nicht aus dem Gemüt schöpfen, er kann es anch nichtaus Reisebeschreibungen, sondern mnß es aus Abbildungen studieren.So kommt er Wider Willen unbedingt in Abhängigkeit von fremdemSchaffen. So heftig Kochs Ärger über die in Rom lebenden Eng-länder war, hat er doch die britischen Stiche genau studiert. Schonin der Kleidung stehen seine romantischen Gestalten jenen des in

Gurlitt, lg. Jahrh. 11