Rottmann.
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Jüngere Beschauer haben wohl noch andere Bedenken. DiePredigt beginnt zu verstummen; ich habe sie beim besten Willennicht mehr vernommen, als ich in München vor den Bildern stand.Anderen geht's ähnlich. Die Größe ist uns zur Leere geworden,die Schönheit zur Langeweile. Als Bild, als malerische Leistung,insofern, als durch die Farbe ein Stück Natur in seiner Eigen-tümlichkeit wiedergegeben werden soll, steht dies Marathon sehrtief. Überall guckt die braune Sauce der in Rom um ihr Volkstnmgekommenen Niederländer des 17. und Z 8. Jahrhunderts durch diespärlichen Versuche, das selbst iu der Landschaft Entdeckte malerischzu verwerten. Als zeichnerische Darstellung einer wenig bemerkens-werten Landschaft ist das Bild wesentlich besser; die Stimmung istmit derbsten Mitteln dem Gegenstand aufgezwungen. Das Ge-witter ängstigt uns nicht, es ist ein Theaterunwetter. Statt derDarstellung des Schlachtfeldes wäre thatsächlich ein Plan mit guteingezeichneten Höhenkurven belehrender; jedenfalls 'hat die Kunstnichts mit der topographischen Darstellung eines Schlachtfeldes zuthun. Wir empfinden nicht, daß hier Marathon sei, stände esnicht unter dem Bilde; wir glauben auch nicht, daß es andere,frühere empfunden hätten, wäre es nicht stets drunter zu lesengewesen. Nicht das Bild erregte sie, sondern das thaten die durchdies erweckten Gedanken. Wir, die wir bloß nach dem zu Sehenden,nicht auch nach dem zu Lesenden fragen, sind ungeeignete Beurteilerder früher im Bild empfundenen Schönheit. Das Wort Marathonregt uns nicht mehr auf; wir fühlen nicht mehr, wie die SchülerWinckelmanns, die Persergcfahr als eine auch uns geistig be-drohende; wir jubeln nicht mehr mit so Hellem Klang über diehellenischen Heldenthaten. Dem Rottmann haben Bismarck undMoltke ganz und gar die Lebeusberechtiguug geraubt. Wir kenneujetzt die Schlacht und kennen den eigenen Sieg, der nicht im Ge-biete der Idee, sondern im Gebiete der That auszufechten ist. Das,was uns in der Geschichte erregt, wollen wir nicht in der vonRottmann gewählten Form ideell, sondern thatsächlich vorgetragenhaben. Denn wir wissen, daß die Sachen in der Geschichte größersind als die Vorstellungen, die wir uns von ihnen machen können,daß jede Idealisierung eine Verkümmerung ist.