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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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IV. Die Landschaft.

Flug der Gedanken, den er auf Goethes Rat erst in Italien kennen lernte.

Dort erst hat sich Preller eine sehr freie sichere Behandlungder menschlichen Gestalt angeeignet. Er zeichnet in großen Linien,fließend, ohne daß man das Modell nachschmeckt, mit ganz vorzüg-licher Beobachtung von Knochenbau und Muskeln. Nicht Beigabenan Emblemen oder ausspintisierten Bewegungen, sondern die Körper-haltung drückt aus, was die einzelne Gestalt thut und im Bildsagen soll. Er war hierin wohl von Carstens, dessen Werke inWeimar seine ersten großen Eindrücke waren, von Koch, fürden er sein Leben hindurch begeisterte Anhänglichkeit zeigte, mehrnoch von Benaventura Genelli abhängig, den er freilich anruhiger Beobachtung und an Abneigung gegen alles Ausgeklügelteganz wesentlich übertraf. Auch Preller komponiert, baut Menschund Baum und Fels zusammen, wie der Kulissenschieber aufder Bühne, so daß sie von einem bestimmten Punkt alle klarund in bester Ansicht betrachtet werden können. Der Plan, dener sich geschaffen hat, herrscht in völlig durchsichtiger Offenheit; dieNatur muß ihm völlig zu Willen sein. Schnitt sie ein französischerGartenkünstler mit der Schere und mit dem Grabscheit in geradeLinien zurecht, so rückt sie Preller in reich geschwungene zusammen.Die Absicht des Gärtners ist kräftiger, entschiedener, schlichter, aberauch gewaltsamer; die seinige naturfrcundlicher, bewegter, mindereinfach, aber auch minder entschieden. Beide aber sind Kindereines Gedankens, des der Herrschaft über die Natur, die der KunstDienerin sei. Preller hat sich nur nach Art eines verständigenHerren in die Eigenschaften seiner Dienerin genau eingelebt und suchtihr ihre Aufgabe im Bilde leicht und naturgemäß zu gestalten,während der Gärtner seinen Willen mit Gewalt erzwingt; Prellerzieht die Bänme am künstlerischen Spalier, denen jener mit derSchere zu Leibe geht.

Fragt man aber, warnm Preller, den Kochs Vorbild vielfachanleitete, nicht bei der einfachen Natur blieb, die er so gut verstand,so giebt die gleichzeitige Kritik die Antwort. Er war von denGoetheschen Grundsätzen völlig überzeugt. Alles, was ich je gemalt,sagte er, war von der Natur veranlaßt, doch niemals Porträt, weil