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V. Die Romantiker.
sich aus allen Seiten, ertönten von den verschiedensten Richtungenher. Numohr, der vornehme Kunstkenner sagt, daß die an denAkademien pedantisch von Hand zu Hand gereichten Löscheimer nichtalle nach Kunst Dürstenden in ihren Bedürfnissen befriedigenkönnten. Im 18. Jahrhundert, so berechnet er, sind zwanzig bisdreißig Millionen Thaler für Akademien ausgegeben worden. Wasist aber daraus hervorgekommen? Welchen Künstlern dieser Zeitgestattete man, in Galerien sich neben anderen hinzustellen? Kaumdem Denner, Dietrich und Mengs, die alle drei, als Schülerihrer Väter, den Akademien gar nichts zu verdanken haben. Willman sehen, was herausgekommen ist, so suche man auf den Treppenund Hausböden alterer Lehranstalten nach den Preis- und Auf-nahmestücken, welche sich von 1700 bis 1800 dort allmählich auf-gesummt haben. In der Zeit höchster Lernfähigkeit müsse der armeJüngling nach Gips, dann nach Gefärbtem erst schmieren, dannmalen lernen und dieses, weil der Knabe schon alt ist, mühsam nndJahrelang. Nicht einzuholen sei die verlorene Anstelligkeit im Um-gang mit den Materialien. Praktisch arbeiten solle der Knabe lernen.
Die Zahl ähnlicher Urteile ließe sich leicht vermehren. Manhatte so sehr gehofft durch Bildung zur Vollendung, durch Be-lehrung zur Bildung zu kommen; man hatte so viele Jahrzehnteum die Antike heiß gernngen; die Mittel, sie kennen zu lernen,waren so sehr viel größere geworden; der Unterschied bis zu ihrhatte sich sichtlich verringert — und doch! Auf einmal erscholl derRus, man stecke in tiefem Verfall. Man wolle Neues, das Altesei unwürdig des ErHaltens, des Fortfahrens.
Noch unerquicklicher erklang den Führern des Klassizismusder Ton, dem sie bei den nicht auf Sachkenntnis Anspruch Er-hebenden begegneten. Es war ja damals schon der Gedanke, wiehente im ganzen deutschen Volk verbreitet, daß man sich für dieKuuft vorgebildet, daß man die Kunst studiert haben müsse, umsie zu verstehen. Aber heute wie damals steckt ein gutes StückHeuchelei in der Bescheidenheit des Auftretens jener, die sich Nicht-kenner nennen. Im Innern halten sie sich doch für berechtigt znurteilen; haben sie doch das durchaus verständige Bewußtsein, daßuicht für die Fachleute geschaffen werde; daß die Künstler sich nicht an