Die Atoinisten. — Overbeck.
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Solche Männer, die über die Knnst nicht logisch denken, sonderndie sie seelisch, grübelnd empfinden, sind selbst bei bescheidener eignerLeistung zu allen Zeiten starke Anreger gewesen; sie führen zurErkenntnis des künstlerisch Wahren, und das ist stets ein indi-viduell Wahres, weil es den Eindruck der Natur auf eine empfäng-liche Menschenseele zur Aufgabe hat.
Ein solcher Atomist nach dem Sinne der Weimaraner warauch Friedrich OVerb eck. Der Vater dieses merkwürdigenKünstlers, Bürgermeister in Lübeck und Dichter, hatte auf Carsteuswohlthätig eingewirkt. 1806 besuchte der junge Overbeck in Ham-burg Runge, der von einer künstlerisch schwer auszudrückenden,tiesen Religiosität vollkommen beherrscht war. Runge strebte imKampf mit den herkömmlichen Formen nach »erinnerten Ausdruck.In seinen Briefen herrscht schon der Ton schwärmerischer Sehnsuchtnach Glaubensbethätigung, der später Overbeck eigen war. Nicht Rom lehrte ihm diesen, sondern der protestantische Norden gab den Tonan. In Hannover sah Overbeck Zeichnungen, welche die BrüderRiepenhausen nach altitalienischen Meistern angefertigt hatten. Eswar dies eine zweite Anknüpfung an die Dresdener Bestrebungen,die Joh. Christian Kestner vermittelte, der dann später in Rom auch dem Overbeck ein wohlwollender Freund blieb. Diese Zeich-nungen gaben Overbeck einen Begriff von dem, was Giotto , SimoneMeinmi, Masaccio und andere erstrebten. Sie eröffneten ihm eineneue Welt, in die er mit staunender Bewunderung trat. Es sind allemAnschein nach dieselben Blätter, die vierzig Jahre später Nossetti,Holmcm Hunt und Millais zum Abfall von der akademischen KunstEnglands bewogen. Es geht also von den Riepenhausen und ihrembescheidenen Werk eine ganz merkwürdige Fülle der Anregung aus,wenn sie gleich selbst nicht von dem Holze waren, ans dem die großenNeuerer geschnitzt werden. Es bednrfte der rücksichtslosen Eigenarteines Blake, um jenen Engländern vorzuarbeiten, jeues Halbnarrenvon tiefster phantastischer Erregung und durch diese eines Auf-wühlens alles künstlerischen Denkens.
Der Vater der Riepenhausen, jener Kupferstecher, der demdeutscheu Volke Hogarth und mit diesem charakteristische Kunst zu-gängig zu machen strebte, lebte in Göttingen , nnter der Regierung
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