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V. Die Romantiker.
hältnis zu den Künstlern. Er vergaß ihnen gegenüber erst rechtnie seine Geheimratswürde, er fühlte in ihnen mehr dumpfe Em-pfindungen als klare Rechenschaft über ihr Thun und schätzte sie nurnach ihrer Selbstklarheit. Soweit der Künstler Denker im litterarischenSinne war, schien er ihm reif für höher gebildeten Verkehr.
Wie konnte er sich zu einer neuen Sekte hingezogen fühlen,die nach seinem Ermessen des logischen Denkens vollends entbehrte,die der Kunst-Meyer, die atomistische nannte, zn Leuten, die ihr Schaffenauf die kleinsten Teile der Natur mehr als auf die Anschauungdes Ganzen richteten.
Diese Atomisten sind plötzlich da, überall. Der erwachendeRealismus äußert sich in ihuen. Sie wollten der Natur näher anden Leib nnd glaubten dies am besten durch die zeichnerische Ge-nauigkeit zu erreichen. Dadurch, daß sie den Gegenstand mit allerSorgfalt so darstellten, wie sie ihn sahen, in allen seinen Nebeu-formcu, vor allem mit den verpönten Zufälligkeiten, absichtlichmit diesen, im Gegensatz zur Kuustlehre der Zeit. Ihnen wurdeplötzlich klar, daß es einer großen geistigen Sammlung bedürfte, umdie Natur festzuhalten, einer größeren, als dazn nötig sei, ein un-gefähres ideales Bild vou ihr zu gebeu. Solcher Art waren die umNnuge Gescharten. Dieser selbst freilich kam nicht zn jener innerenAbklärung zwischen Können und Ziel, durch die allein eine be-deutende Kunstübung möglich ist; er starb zn.jung, um sich durch diednnklen Gärungen seines Gemüts durchzuarbeiten. Das ist auchdas Urteil, womit die Nachwelt ihn der Vergessenheit zu über-weise!? bemüht war.
Es ist ihr nicht geglückt. Schon ist Runge durch Lichtwarkuud Muther der Kunstgeschichte wieder eingereiht uud er dürfte ihrnun dauernd erhalten bleiben. Wie die Engländer den weitduukleren Blake als einen sehr beachtenswerten Träger der Neu-geburt der Kuust betrachten, ihm einen hervorragenden Rang inihrer Entwicklungsgeschichte, einen mächtigen Einfluß auf die Prä-rnfaeliten einräumen, so wird Runge als ein Vorbote ähnlicherKnnstbestrebungen gelten müssen, wenn gleich deren Durchbruch durchdie Herrschaft der spekulativen Ästhetik fast ein Jahrhundert lang —meiner Ansicht nach uns zum Schaden — aufgehalten wurde.