Die Moden. — Altdeutsche Tracht.
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Der Männer Zeit kam erst mit den Freiheitskriegen. Die jungenLöwen der Gesellschaft begannen sich selbst Kleidungen zu erfinden.Das flatternde Haar, der offene, nicht von der Binde eingeschnürteHemdkragen, das Barett mit der Feder, die Puffen au den Ärmeln,die Schnüren an den Röcken waren Zeugnis dafür, daß man imAltdeutschen die Befreiung suchte. Träger des Geschmackes war aberdas Theater, und Vorbild des deutschen Theaters das englische.Die jungen Männer in ihren romantischen Kleidern sahen wieenglische Schauspieler aus einer zwanzig, dreißig Jahre früher liegen-den Zeit aus. Nationales zeigte sich nur in der eigentümlichen Ent-wickelung der preußischen Uniform und dereu Nachahmungen.
Bei deu Frauen scheiterte der Versuch, sich in den Moden selbst-ständiger zu machen; wohl brachten die Kriege von 1812 und 1813Ansätze zu einer Befreiung von Paris , aber es war damit nicht durch-zudriugen. Seit 1820 kam das Korsett wieder; seit 1825 war manwieder beim Neifrock angelangt; 1830 herrschten die kühnsten Modendes auf die ältere Königszeit zurückgreifenden Geschmackes. Bistdas alles du? konnte man die überladenen Frauengestalten wiederfragen, die sich nun romantisch fühlten und in ihrer Kleiduugdie Nomantiker entzückten, trotz deren gelegentlichem Ablehnender Ausschreitungen der Mode. Es war die Simplizität wiedergänzlich abgelegt worden, die Fürsten trugen wieder ausschließlichUniform, die Bürgerlichkeit der Mäuuerkleider war durch weit-gehende Modesonderhciten durchbrochen! Man wollte nicht mehrschlicht aussehen, sondern im Gegenteil einem Manne gleichen, derfür die verwöhnteste Geselligkeit eben gut genug sei, namentlichwenn man sich Mühe gab, für sorglos gekleidet zu gelten.
Für die jungen Künstler der Zeit war die altdeutsche TrachtAusdruck ihrer selbst. Sie fühlten sich verhätschelt von den Dichtern,durch die Teilnahme der Größten an ihrem Schaffen in ihrer Stimmunggehoben, durch das Stichwort geschmeichelt, iu ihnen liege die eigent-liche Vollendung des Menschentums. Aber sie waren zumeist armeSchlucker, aus den Handiverkerkreisen hervorgegangen, wettfremdund im Grunde der Seele ebenso bescheiden wie von den Vor-nehmen mißachtet. Denn diese ließen sie nur dann an sich heran,wenn sie zu Ruhm gelaugt wareu. Man sehe selbst Goethes Ver-
Gurlitt, 19. Jahrh. 14