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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

durchdrang die Wohnungen mit ihren steifen, geradlinigen Erzeug-nissen, sie nistete sich in die Kleidung der Frauen ein.

Man hat den Begriff Mode in späterer Zeit in einen starkenGegensatz zum Stil gebracht. Dieser ist das ästhetisch Berechtigte,jene die Laune des Unverstandes. Das ist bequem, um sich mit derMode abzufinden, durch Schimpfen sich der Verantwortung für ihreLauuen zu erledigen. Thatsächlich giebt aber die Mode den bestenMaßstab für die künstlerischen Ziele einer Zeit; die Kleidung ist dieKuust, an der die Mitarbeit der Nationen am regsten und daherdereu Stimmung am klarsten ausgesprochen ist. Die Revolutionhatte den Frauen das antike Kleid, so gut man es eben verstand,gebracht. Die Kleider mußten den Regeln der einfachen Natnruntergeordnet sein, und diese besaßen vor allem die Griechen. DasSchnürleib verfiel dem Gelächter; der Reifrock wurde über Bordgeworfen. Höhnend erzählte man von der biederen Orientalin desHarem, die eine europäische Dame im Reifrock besucht habe: Bistdas alles du? habe sie gefragt. Nun fiel all die faltige Schneider-kunst, die die Reize verhüllende Stosfmenge; die Frauen wollten,von allem Irdischen befreit, Kleider tragen, die dem gewebten Nebelin der Farbe der Morgenröte gleichen. In einer Leipziger Mode-zeitung von 1807 bot ein Geschäftsmann seine Hemdkleider an, diediesem Wnnsch entsprachen. Trägt eine Dame, so heißt es in der An-zeige, ein solches Hemd, so braucht sie kein weiteres Kleid und erreichtden höchsten Grad von Eleganz. Man sieht, die Frauen nahmen esernst mit dem Gedanken, daß Simplizität das Reizendste sei; daß man imNeglige als dem anerkannten Gesellschaftskleid morgenfrisch erscheinensolle, duftig, ohne Entstellung des Körpers durch einengende Fesseln.

Die Männer haben diese klassischen Anwandlungen nicht ingleichem Maße mitgemacht. Nur der Kampf gegen den Zopf isteine ihrer Äußerungen. Natürliches Haar zu tragen war ein Zeugnisder Libertins, der Stürmer. Man nannte sie Kauva^es, man fühltesich römisch im Tituskopf. Jean Paul faud zwar, daß diese häß-liche Nacktheit den Pickelheringen und Baugefangeuen zukomme.Aber das Haar, wie es Napoleon trug, blieb in der Herrschaft,ebenso wie die Bartlosigkeit, wie die Halsbinden der Jncroyablesund die Cylindcrhüte der englischen Quäker.