Fremdbrüderlichkeit. — Die Moden.
207
ob es nicht endlich einmal eines nnbesänftigten Geistes bedürfte,um Neues zu schaffen.
Wie man die Fremdbrüderlichkeit nicht los wurde, so auchnicht das Lebeu außerhalb der eigenen Zeit. Das Mittelalterwurde der Antike gegenüber gestellt, es sollte jenes verdrängen.Man glaubte in die eigene Haut zu schlüpfen, indem man sich ineine solche begab, wie unser Volk angeblich vor Jahrhunderten siebesessen haben soll. Man nahm das Mittelalter als Ganzes, schufsich ein Bild seiner Vortrefflichkeit und stellte dies als Ziel der neuenKunst hin, als Sturmbock gegen die Alleinherrschaft der Antike. Eswurde der Kampf erleichtert dadurch, daß keineswegs die Begeiste-rung für die Alten in die Tiefe gegangen, daß all die gelehrteÄsthetik, die so wortreich auf die Nation eindrängte und ihrerkritischen Klarheit sich so sicher war, im Grunde die Nation nochkeineswegs überzeugt hatte. Dafür spricht Goethes eigene Stimmung,wie er als junger Mann die Dresdener Galerie betrat. Ihmthaten es die Niederländer an. Er, der aus Oesers Schule kam unddessen Kopf voll Winckelmannscher Gedanken steckte, sah sich zueigenem Erstaunen zu den holländischen Kleinmeistern hingezogen.Den Schuster, deu er in Dresden kennen gelernt hatte, fand er beiOstade wieder; die Lichtwirkungen des eigenen Wohnzimmers beiSchalcken, unter den Italienern tritt ihm Domenico Feti , einerder Nachahmer des Realisten Caravaggio uahe. Er war sich dabeivöllig klar, warum diese Werke zu ihm sprechen, während Größeresihn völlig kalt ließ. Er hatte die zur Vergleich ung nötigen Kennt-nisse der Natur, er sah im Bilde ein ihm im Leben Bekanntes zueinheitlicher Wirkung erhoben. Man sollte denken, Lessing hätte esauch so gehen müssen, hätte er die Fähigkeit gehabt, sich außerhalbseiner Theorien zn setzen; hätte er die Kraft der Beobachtunggehabt, die Goethe so groß machte. Es ist dieselbe Sinnlichkeitdes Blickes, dieselbe Herrschaft des Eindrucks über den Verstand,die ihn befähigte, den Wert der Gotik zu erkennen, ehe die Zeitkam, da er, älter werdend, der menschlichen Natur den Zoll zahlte,da er die Erwägung, den Verstand über die nun minder aufnahme-fähigen Sinne stellte.
Es war freilich der Antike gelungen, Mode zu werden. Sie