215
zur Erde, Sitte und Denkart des 19. Jahrhunderts angenommenhaben? Malten sie nicht deutlich für ihre Zeit, während das gleichefür das 19. Jahrhundert undeutlich und folglich unwirksam ist?Würden sie sich nicht die Fortschritte der Technik zu eigen ge-macht, jener in Farbe, Beleuchtung, Geschmack sich erfreut haben?Hütten dies nicht auch die besseren Kopfe unter den Dichtern desMittelalters, z. B. jener der Nibelnugen gethan? Ist's nicht einBeweis sinkender Knust, sagt er mit Goethe, wenn man bedingteMuster nachzuahmen strebt, während die steigende nach weitererVollkommenheit ringt und diese iu der Natur fiudet, gleich ebenden alten Meistern?
Es giebt eine weitere Äußerung Uexkülls einen wichtigen Auf-schluß über die Denkart der Zeit. Wächter hatte ihn gefragt, ober dem den jungen Tobias geleitenden Engel Flügel geben solle.Er antwortete, daß er dies thun solle, wenn er, wie ein TirolerMaler eine Kirche im Stücklohn ausmale, wenn er für Putzstubenfrommer Protestanten schaffe, oder wenn er der romantisch mystischenSchule augehöre. Die alle können sich den König nicht ohne Kroneund den Engel nicht ohne Flügel denken. Arbeite er aber für dieKsns ä'ksprit, so kann der Engel in dem Moment keinen Flügelhaben, sondern höchstens in dem späteren des ckönouerasiit, wo ersich zn erkennen giebt. So allein könne der Künstler statt einesinsipiden, geschlechtslosen Engels eine individuelle Charakterfigurproduzieren. Also die Bildung mit ihrer fremdländischen Sprachein vollem bewußten Gegensatz zum dummen Volk. Der Maleraber soll für die Gebildeten schaffen, wenn er kein Romantiker ist!
Der Kreis, welchen Uexküll schilderte, bestand aus Overbeckund Cornelius als den Häuptern und einer Anzahl minder einfluß-reicher Mitglieder. Ihre größere gemeinsame That war seit 1815die Herstellung von Freskomalereien in der Wohnung des preußi-schen Generalkonsuls Jacob Salomon Bartholdy . Der Be-steller ist von bezeichnender Art. Als Sohn jüdischer Eltern, inBerlin geboren, in österreichischem Dienst gegen Frankreich fechtend,war er 1813 in die preußische Diplomatie getreten, nachdem er1805, sechzehn Jahre alt, protestantisch getauft worden war. Erzahlte den Malern für ihre Malereien im Ganzen 250 römische