224
V. Die Romantiker,
der Kindlichkeit seiner Hingabe. Und es sei hinzugefügt: Keinerhat in gleicher Weise dauernd seine Gemeinde gefunden. Die Kunstdes Cornelius wurde ein Gut nur Weniger, solcher, die mit ihmheranwuchsen, unter ihm sich entwickelten; die lärmenden ErfolgeKaulbachs und Pilotys sind verklungen. Nur noch Overbecks undseiner Schüler Werke hält die Liebe Zahlloser fest im Andenken,nur sie sind noch heimisch im deutschen Hause. Die Heiligenmalereiist noch heilte unter seinem Einflüsse: Ju jedem Farbendrucke derschmerzensreichen Jungsran spiegelt sich seine Religiosität wider.Nicht Rafael beherrscht deu Markt der Welt, nicht seine Madonnen inihrem Spiel mit dem Kinde, in ihrer schlichten Daseinsfrende findetman zumeist in den Kirchen und Stuben der Katholiken, sondernneben deu schmerzensbewegten Köpfen Guido Nenis die fauste Hin-gabe, den milden Augeuaufschlag, die jungfräuliche Zaghaftigkeit,die Overbeck seinen Gestalten zu eignen wußte. Andere nahmenseine Formen auf, vergröberten sie in ihrer Wirkung; aber dieGrundstimmuug geht noch hente von ihm aus; es ist die einzige vonden zu Anfang des Jahrhunderts geborenen, die das Jahrhundertüberdauerte.
Und wenn Overbeck der Ansicht war, nur der reine Glaubebefähige ihn zu seiner Kunst, so war er im vollen Recht, ebensowie er im Unrecht gewesen wäre, wenn er gesagt Hütte, der Glaubeallein befähige zur Kunst überhaupt; das sagte er aber nicht. Erging mit fromm gescheitelten Locken dnrch die Welt, aber auch miteinem absichtlich kindlich erhaltenen Geiste unter diesen. SeinLeben bezeugt dies. Eiu riesiges hölzernes Kreuz empfing den Be-sucher beim Eintritt im Vorzimmer seiner Wohnnng, die er fernvom leichtfertigen Schwärm der Reisenden aufschlug. Sie war klöster-lich karg eiugerichtet; die Werkstütte eiu Heiligtum, in dem er wirkte,immer leutselig und bereit, seine symbolischen Absichten an den aufder Stasfelei stehenden Werken zu erklären. So erzählt HeinrichLehmnnn, der Overbeck nach dem Tode seiner Frau zu besuchensich beeilte und sehr erstaunt war, daß er den Ausdruck der Teil-nahme zurückwies: Es ist ein Anlaß, Gott zu danken und sich znfreuen, sagte der fromme Mann. Unser Lebenlang beten wir „Herr,dein Reich komme", und wenn es kommt, heulen und klageu wir,