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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Seine Bedeutung für die kirchliche Kuust.

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anstatt uns zu bedanken! Als sein einziger neunzehnjähriger Sohnstarb, dankte er Gott auf den Knien, daß er ihn vor der Versnchnngdieser sündigen Welt bewahrt habe. Wer wird es wagen, angesichtsdes tiefsten Schmerzes, der ein Menschenherz berühren kann, an derAufrichtigkeit des Mannes zu zweifeln! Gort hatte seinen Sohnso lebeu lassen, wie er es von sich selbst wünschte, als Kind, un-wissend der Sorgen dieser Welt. Ob es nicht besser sei, daß er niegeboren wäre, darüber zu grübeln hielt ja Overbeck gewiß auchfür eine Sünde!

Groß ist die Treffsicherheit, mit der Overbeck eine gewisse Rich-tung des geistigen Lebens seiner Zeit zum Ausdruck brachte und daherauch der innige Anteil, mit dem die Geistesgenossen ihm uud seinemSchaffen folgten. Selbst Fernerstehende riß er mit sich fort; er weckteein Gefühl in ihnen, das sonst ihrem Wesen fern stand. Daranändert der Umstand nichts, daß die Kunstkritik seit dem ersten Tageund bis heute Overbecks Kunst bekämpfte, belächelte und vom erstenTag ihres Entstehens an für überwunden erklärte. Ihre Lebenskraftdurchbohrte nicht Friedrich Wischers scharfe Feder, noch ersäuften siedie Tintenströme der letzten Jahrzehnte. Nur wer noch den Muthat, sein persönliches Behagen als Maßstab der Kunst zu betrachtenund die aus diesem gezogenen Schlüsse anderen als notwendig zu-zumuten, wird die Liebe der Frommen, der Protestanten wie derKatholiken, zu Overbeck und zu seiner Schule für künstlerischen Un-geschmack, für eine ästhetische Schwäche halten können. SolchenLeuten, freilich der Mehrzahl von jenen, die in der Knnst mit-reden, kann man nur uach des Maler Müller Rat die Handgeben, um seines Weges zu ziehen. Gründe für das Gefallen hatjeder bei der Hand; sie sind, um mit Falstasf zu sprechen, billigwie Brombeeren, und aus Gründen ist rasch ein System gebaut.Aber mau kann den Geguer, der andere Gründe hat, nicht wider-legen. Will man ihn nicht hinter die Ohren schlagen, so mußman ihn unbekehrt ziehen lassen. Höchstens kann man ihn über-reden. Und so sind denn die eigentlich leitenden Kritiker stetsUberreder gewesen.

Das Werk, in dem Overbeck nicht nur seine beste Kraft,sondern sein künstlerisches Glaubensbekenntnis gab, ist das Magni-

Gurlitt, lg. Jahrh. 15