Cornelius. — Das Jüngste Gericht.
233
Bole, eine Beschreibung von Sieben Meisterwerken der Malereiheraus. Er hat Michelangelos Jüngstes Gericht mit unter diese auf-genommen, erklärt aber, weil dem so sei, habe er seinem Buch nichtden Titel: Sieben Meisterwerke der christlichen Malerei gebenkönnen; deun bei der monströs materiellen Steigerung ins Ge-waltige in dem Altarwerk der Sixtinischcn Kapelle habe der großeFlorentiner nur zu oft die Heiligkeit des Ortes und Gegenstandesseines Bildes außer acht gelassen. Christliche Kunst fordert dieDarstellung des Menschen in seiner Ganzheit, also beherrscht durchdas höhere Wesen dieser Ganzheit, den Geist im Vollbesitze derSeligkeit in Gott . Was sollen die Turnkünste der nur dem Leibe,nicht der Seele nach geschilderten Machtgestalten Michelangelos aufeinem Altare, die in ihrer Nacktheit anstößig sind, während dochKleider nur die Symbolik erleichtern. Warum wagte Michelangelo nicht die Nacktheiten seiner Zeichnungen auch auf die Jungfrauauszudehnen! Welch schlagende Selbstverurteiluug des Bildes ausdem Grunde seines doch gläubigen Herzens heraus! Welcher Siegeiuer noch in dcu Grundsätzen der Kirche erzogenen Natnr über diecigeumächtige „psychische Virtuosität"! Das Schlimmste aber an demBilde sei der Bruch mit der Überlieferung. Zu Michelaugelos Zeitenherrschte noch jene Welteinheit im Rahmen christlicher Bildung,arbeitete man noch an einem all umfassenden Bau, jedes Volk nachseinem Köuneu, in seiner Weise; damals sprach die Kunst noch ineiner von allen angenommenen Sprache, in festen Formbildern, diejedem geläufig waren. Aber Michelangelo verfiel der schrankenlosen„Autonomie des Individuums", schuf aus dem ihn ^herrschendenDränge ein Werk mit gewaltigen, bewegten Gestalten, das jedoch demchristlichen Sinne nicht entspricht. Sein Christus ist der gewaltigsteunter Riesen, aber die christliche Anschauung findet den Herrn inihm nicht wieder. Ein zwieschlächtiges Wesen geht durch das uu-geheure Werk: tief christliche Züge in einzelnen Gestalten und Vor-gängen und eine sinnebetäubende Schaustellung von Körperhaltung,Schnelle, Beweglichkeit. Es ist die großartigste Verirrung aus demBodeu der christlichen Knnst, ein folgenschweres böses Beispiel.So der katholische Geistliche, der nur ausspricht, was die Kirchevon jeher über das Bild dachte.