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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Nomantiker.

Deni stellte Cornelius sein Jüngstes Gericht entgegen. Zu-nächst eines: Die Gestalten sind fast alle bekleidet; Papst Paul III. hätte nicht davor, wie iu der Sixtinischeu Kapelle, zu sagen brauchen,das Bild passe besser in eine Badcstube oder in ein Bordell; keinDaniele da Volterraro hat nachträglich die der Kirche anstößigenBlößeu zu übermalen gehabt. Und dann: nicht die eigene An-schauung ist Gegenstand des Bildes, nicht das stürmische Erfasseneiues leidenschaftlichen Vorganges, sondern die Ruhe theologischenDeukeus, ein sorgfältiges Abwägen, eine außerordentliche Besonnen-heit bei großer Kraft. Alles was die Kirche an Michelangelos Werk auszusetzen hatte, vermeidet er. Nicht ein bestimmter Augen-blick, nicht der gewaltigste Augenblick aller Geschichte wird dar-gestellt, sondern die Lehre von diesem Augenblick. Christus, derbei Michelangelo der riesenmäßig niederschmetternde Veruichter desBöseu ist, eine Gestalt, von deren mächtiger Erregung auf alle Ge-stalten ein Bebeu uud Zurückweichen fährt, ist hier der ruhig undgerecht Abwägende. Eine Hand verurteilt, die andere bietet Gnade,das Gesicht sieht geradeaus, gehälftet in Empfindung. Das istdie katholischen Geistlichen wissen dies sicher besser als ich derrichtige Ausdruck der dogmatischen Lehre. Aber das stört diekünstlerische Wirkung; das macht die Gestalt, die doch immer nurdie eines Menschen sein kann, lahm, kraftlos, ihr Walten undeut-lich, während bei Michelangelo gerade die völlige Beherrschung desRiesenbildes durch eine Bewegung Christi dem Ganzen den nichtdurch das Dogma, sondern durch eineu Blick für den Beschauererkennbaren Inhalt giebt.

Ebenso im ganzen Bilde ein planmäßiger Aufbau, ein Ver-teilen in die Fläche, eine leicht übersichtliche Linienführung. Corne-lius hatte in Rom sehr viel gelernt, er hat namentlich Thor-waldsen viel zu verdauten. Sein Faltenwurf ist klassisch, seineGestalten sind antik empfunden. Es ist zwischen seinen späterenWerken und jenen seiner Vorgänger nicht mehr der scharfetrennende Unterschied, den er iu seinen Jugendarbeiten feststellte.Er hat sich zur alten Kuustvollendung hinübergeneigt, namentlichim Aufbau. Wie bei Michelangelo von den dicht gedrängtenMenschenwolken oben die Gestalten heruntertropfen, wie fie in einem