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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Das Jüngste Gericht.

Beschränkung in der Farbe.

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tiefen Raum vor und hinter einander sich bewegen, wie ungeheuergroß der Vorgang ist! Bei Cornelius lauter Gruppen; Gruppen,die für sich fertig sind, denen aber auch nichts fehlt in Aufbau undInhalt, wenu man sie für sich herausschneidet aus dem Bild. Überallklare Konipositionslinien; Menschen- und Engelleiber, die Kettenbilden, um von Gruppe zu Gruppe den malerischen Zusammenhangzn schaffen; Gestalten, in denen eine weiche, sentimentale Schönlinig-keit mit der Härte der Darstellung in Widerspruch steht; wenigstensists für uus Nachlebende so! Dafür Beziehungen, unendlich vielBeziehungen, über die man Bücher der Verteidigung und Ablehnungschreiben kann; jeder Kopf, jede Haltung überlegt, nicht im künst-lerischen Sinne, sondern vor allem in der Absicht, sie viel sagen zulassen, Ausdruck und Inhalt um jeden Preis zu geben. Durchdiese grübelnde Vertiefung kommt in sein Bild eine eigene Trocken-heit. Ich spreche nicht von der Farbe, die bei Cornelius stets nureine unwillig gebotene Zugabe war, sondern von den Gebieten, indenen er selbst seine Lebensaufgabe sah. Denn der Künstler hatdas freie Recht, sich die Ausdrucksmittel zu suchen, die er braucht,und andere haben nicht jenes von ihm zu fordern, was gerade siewünschen. Ich spreche daher nur von der Wirkung des Kartons,oder von jener, welche sein Bild in der Photographie giebt, im Ver-gleich znm Bilde des doch auch die Farbe stiefmütterlich behandelndenMichelangelo . Wem? gleich bei Cornelius einzelne Figuren kleinergezeichnet sind als die anderen, also als weiter hinten schwebendgedacht sind, wirkt doch bei ihm das ganze Bild als Fläche. DieSchwebenden erscheinen wie mit einer unsichtbaren Nadel an dieWand angespießt, sie sitzen auf ihr fest. Denn bewegten sie sich,so siele die ganze mühsame Komposition über den Haufen. Mauglaubt keinem recht die Bewegung, man bittet im Geist: Haltet still!

Wie anders erschien Cornelius den Männern seiner Zeit alsuns. Freilich uicht allen. Das, was wir empfinden, das war denMalern schon vieler Orten klar, auch zur Zeit, als jeue Bilderentstanden. Meiu Vater sprach nur in den Ausdrücken größterHochschätzung von dem gewaltigen kleinen Mann, der alle, die ihmnahe kameu, in die Fesseln seines Geistes schlug, aber mit einemstillen Granen von seiuer Knnst: Das ist sehr groß, aber das hilft