Druckschrift 
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
236
Einzelbild herunterladen
 
  

236

V. Die Romantiker.

uns nicht weiter! Noch war die Formel nicht in jene ungelehrtenKünstlerkrcise gedrungen, mit der man sich der Ästhetik hätte er-wehren können. Mit dem Schimpfen aus die Knnstschreiber allein,so eifrig es betrieben wurde und so berechtigt es war, konnte mansich auf die Dauer nicht helfen. Der Ruf nach dem Künstlerischenin der Kunst war noch übertönt durch den nach dem Inhaltlichen.Die Kunstgelehrteu, welche von Italien zurückkamen, erklärten, daßCornelius selbst iu seiuem Verhältnis zur Farbe so unrecht nichthabe. Das Monumentale im Stil, sagte einer, wird immer einegewisse Mäßigung und Schlichtheit der Farbe bedingen. Nicht solltedamit das Unvermögen beschönigt werden: Der Maler thue gut, zuzeigen, daß er in der Tontiefe nicht weiter gegangen sei, weil ernicht weiter gehen wollte. Der Karton habe thatsächlich großeVorzüge vor dem Bild. Ich lasse einen Modernen, Max Klinger ,statt meiner reden: Die Zeichnung lasse der Phantasie den Spiel-raum, das Dargestellte farbig zu ergänzen, sie überlasse das nichtunmittelbar zur Hauptsache Gehörige ebenfalls der schaffenden Phan-tasie; sie könne den Gegenstand so von der Umgebung loslösen'daß die Phantasie den Raum schaffen müsse, in dem er steht; undall das sei möglich, ohne daß die Zeichnung im mindesten an künst-lerischem Wert verliere. Es sagt hier Klinger, was schon vor ihmdie klassische Ästhetik unter dem Begriff derAbstraktion vom Zu-fälligen" erkannt hatte. Der verlassenen Körperhaftigkeit dient dieIdee als Ersatz so drückt er sich aus. Dessen war man sichdamals völlig klar, daß das Übersinnliche nicht realistisch dargestelltwerden könne, ohne ins Lächerliche zu verfallen; daß die allegorischbeabsichtigte Gestalt nicht sachlich wirken dürfe. Und darnm meinteman, daß ihr auch in der Farbe nur ein Halbton zukomme, geradeum sie von der als platt verschrieenen Wirklichkeit abzulösen. Mautreuute sich schwer vom Karton, ließ schwer von der Idee, um zurKörperhaftigkeit zu gelangen. Nur langsam verbreitete sich dieErkenntnis, daß die Farbe sich mit dem höheren Geschichtsbild unterUmständen vertrage. Namentlich Genellis Raub der Europa bewiesvielen, daß der Jdealstil tiefer in die Farbe zn gehen vermöge, alsCornelius meine, ohne an Idealität einzubüßen.

Cornelius selbst aber hielt fest an dem Kampf gegen den