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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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237
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Beschränkung in der Farbe. Cornelius und die Ästhetik. 237

Naturalismus, deu Materialismus. Die Dinge im Bild sollten nichtso aussehen wie in der Natur! Es war seine Absicht nicht, farbigeWirkungen, Lichterscheinuugen wiederzugeben. Nicht umsonst sagteer zu August Riedel , der diese Absicht gerade zum eigentlichenSystem seiner Kunst erwählt hatte: Sie haben erreicht, was ichmein Leben lang mit größter Anstrengung vermied. Mit Absichtvermied er auch die historische Genauigkeit. Denn er wollte nichtGeschichten erzählen, sondern die Geschichte in ihrem Geist erfassen:nicht Hosen und Lanzenspitzen, Uniformen und Rüstzeug, souderuMenschen darstellen, Menschen als Träger von Leidenschaften,Tugendeu, Lastern, Gedanken. Es war eine neue Form der Alle-gorie, die er suchte; eine solche, die nicht durch natürliche Embleme,sondern durch den bildlichen Zusammenhang von Gestalt zu Ge-stalt zu lösen sei; eine solche, die der Beschauer in der Phantasienachschasfen solle; in die er sich vertiefen müsse, um die Freude desFindens zu genießen; die man erwerben müsse, um sie zu besitzen.Das forderte eine anderen Behandlung der Kunst, als die früherund später ihr gegebenen Aufgaben; Cornelius ist mit anderem Lichtezu beleuchten, als moderne Meister, um ihm und seiner Art wirk-lich gerecht zu werden.

Cornelius ist Idealist nach der Seite der Erfindung, sagtFr. Bischer, denn er neigt durchaus zum direkten Ausdruck vonIdeen durch übersinnliche Gestalten; nach der Seite des Stils ister Realist im besten Sinne des Worts durch die strenge, herbe,Dürerische Kraft der Individualisierung und Charakteristik, die nichtsvon akademischer Allgemeinheit der Formengebung weiß. SolcheAussprüche muß man sich vergegenwärtigen, nur Cornelius ausseiner Zeit messeu zu lernen. Man muß ihn würdigen, als dielautschallende Antwort auf die Forderung der tiefsten, jedenfallsder eigenartigsten Denker der Zeit. Der Künstler soll den Menschenerziehen, ist Fichtes Wunsch, er kann es, während der Gelehrte nurden Verstand, der Moralist nur das Herz bildet. Die Welt wirddurch Gedankenthätigkeit frei. Die Kunst giebt dem beschränkten, unbe-deutenden, eingeengten Körper Leben, Fülle, Wiedergeburt aus sichdurch die Schönheit. Cornelius war der Mann, der das Beschränktemied und aus großem Geist das der Zeit groß Erscheinende auf-