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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

baute. Er weiß ein Unendliches, die Welt in ihrem ganzen Um-fange, Gott und sein höchstes Amt, Christus und die Erlösung,die Schönheit Griechenlands und die Glaubenstiefe des Mittel-alters in endlichem Bilde zu fassen, die Urbilder der Dinge ausdem, was wir von ihnen auf Erden sehen, herauszuziehen; in ihmhat die Schönheit mit der Idee jene vollendete Vereinigung vonSubjektivem mit Objektivem gezeugt, die Schelling als das höchsteMittel der Erkenntnis feierte. Hier strahlte der Gedanke durchden Stoff hindurch, hier äußert sich das rein Geistige in sinnlicherForin, hier sind mithin nach Hegels Ansicht die tiefsten Aufgabenund die höchsten Wahrheiten des Geistes sinnlich wahrnehmbar ge-macht. Die letzte Aufgabe der Knust ist gelöst; das Geistige spiegeltsich rein in der Form wieder.

Niemals ist mehr über das Wesen der Kunst uachgedachtworden, als zu Anfang unseres Jahrhunderts. Sie bildete einHauptfeld der gesamten Denkarbeit, weil sie zu den steinigsten Ge-bieten der Philosophie gehörte. Das Ziel allen dieses Denkenswar, von der Höhe metaphysischer Erkenntnis die Kunst uud ihreWerke zu verstehen und die Gesetze aus der innern logischen Über-einstimmung zwischen Erkenntnis und dem, was man als hohe Knusterkannte, zu finden. Aber diese Übereinstimmung wollte sich nichteinstellen. Nebenbei arbeiteten Künstler und Kunstgeschichte daran,die Menge dessen, was als gute Kuust anzuerkennen sei, und somitdie Verwirrung zu vermehreu. Mit der größeren Vielgestaltig-keit des als schön Erkannten kamen die Gesetze immer mehr insSchwanke», die die grundlegenden Philosophen mit wahrhaft rühren-der Unkenntnis der Kunst selbst geschaffen haben. Aber die neuenKünstler konnten deren Sehnen erfüllen, konnten sich mit ihren Ge-danken wappnen und eine philosophische Kunst herstellen. Das hatCornelius gethan. Die Irrtümer seiner Zeit sind ihm als Schwächenin anderen Zeiten angerechnet worden. Es waren aber nicht Kinde-reien, die er betrieb; er war in der Hingabe an die edelsten Zieleseiner Zeit ein großer Mann, wenngleich die Ziele uns als ganzverkehrt erscheinen. Pecht, der selbst ein Schüler Cornelius' war,sagt ganz richtig, daß diesem die Malerei eine Prophetin sei, welchedie sittlichen Begriffe reinige, die Gefühle veredele, die Ideale der Zeit