Cornelius und die Ästhetik. — Cornelius und die Gegenwart. 239
gestalten solle; daß sie ihm die Lehrerin und Erzieherin des Volkes sei.Er stieß einen Weckruf aus zur Verinnerlichung, zu einer starkenSelbstzucht. Seine Kunst enthielt sich bewußt des Reizenden; siewollte nicht einen bequemen Genuß bieten; keine Knust für satteBäuche sein. Sie wollte Arbeit auch vom Beschauer; der solltesich mühen, sich den höchsten Gedanken zu nähern. Darin liegtein Stück der großen nationalen Aufgabe der Zeit, jener Wieder-aufrichtung von innen heraus aus tiefem Verfall. Die Fran-zosen hatten gut, geschmackvoll sein; ihnen, den Glücklichen,Reichen, Mächtigen durfte die Kunst Behagen bieten. Uns warsie Arbeit, Kampf, Trost im Leiden. Und so haben auch noch dieBesten in der Folgezeit Cornelius aufgefaßt. Es ist bezeichnend,daß kurz nach dem Kriege von 1866 Herman Grimm es für an-gezeigt hielt, wieder auf den Meister hinzuweisen, den er mit Goetheauf eine Stnfe stellte: In vierzig Jahreu, rief er aus, wirdCornelius uns geschichtlich geworden sein, in ganz anderer Gestaltder Nation vor Augen steheu, als ein Lebendiger, der die Geschichtein jugendlicher, echter Kraft aufsteigen läßt und dessen gesamteThätigkeit eine glänzende, jedem verständliche Seite in dem Buchbildet, in dem der Ruhm deutschen Geistes zu lesen ist!
Das Prophezeien ist ja leicht und die vierzig Jahre werdenerst 1907 um sein. Einstweilen freilich steht es noch schlimm darum,daß jeder Cornelius lesen lerne; daß seine Knnst der Nation ver-ständlicher geworden sei. Richard Muther sagte erst 1893, endlichseien wir von jener Überlastung des Gehirns geheilt, an der wir derKnnst gegenüber litten, der hochtrabende Gedanke mache an sichkein Kunstwerk; Gedankentiefe allein sei ein Ding, das mit Künstler-tum blutwenig zu thun habe; der Inhalt sür sich, nnd möge er welt-erschütternde Ideen umfassen, mache niemals die Knnst aus; dieGeschichte, die erbarmungslose, sei daher nach einem Augenblick desBesinnens über Cornelius zur Tagesordnung übergegangen. SeineGestalten seien gespenstige Schatten Michelangelos , die aber keinBlut getrunken, sie ständen auf einer Stufe mit jenen eines Mabuseoder Marien Heemskerk, von denen das 16. Jahrhundert auch ge-glaubt habe, ihre hohlen Phrasen überböten den Florentiner Groß-meister.