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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

Und einstweilen hat Mnther gewiß die Mehrheit für sich.Man gehe in die Säle, die Cornelius ausmalte oder in denenseine Kartons hängen, wie etwa in jene für ihn erbauten in derBerliner Nationalgalerie. Mit einem Gefühl der Angst flüchtendie Beschauer, die sich hierhin verliefen. Zornig blickt der ge-waltige Breitschädel des Meisters von der Riesenbüste auf ein Ge-schlecht, das seiner nicht verlangt. Und wie in Berlin , das er einegottvergessene Stadt nannte, ist's in München . Einekleine abervornehme" Gemeinde ist ihm geblieben. Grimm, ihr Seelsorger,hoffte, daß die, ganze Welt zu dieser Vornehmheit sich aufraffenwerde. Er hat die Welt schlecht verstanden! sie wird nie geistreichwerden. Es ist Cornelius' Kunst zu sehr aus überstiegeuer Philo-sophie geboren, um weise sein zu köuneu. Denn die Weisheit iststets einfach. Hätte er in einer einfacher denkenden Zeit gelebt, sowäre er, ein großer Mensch, vielleicht auch ein wirklich großerKünstler geworden.

Und doch! Als ich einmal mit einer Anzahl von Schülernvor Cornelius' Kartons in der Absicht trat, die Schwächen desMeisters zu zeigen, die Durchsichtigkeit und Dürftigkeit seiner Artzn komponieren, die Härten seiner Körperbildung, die Trockenheitseiner Darstellung, begegnete mir ein merkwürdiges Ereignis. Ichvergesse den Tag nicht leicht. Wie der Meister mir ins Konzepthineinfuhr, wie im Hinsehen aus der kühlen Zeichnung doch eiugewaltiger Geist aufwuchs, den man nicht mit dem Tagesgeschmackmessen darf, unter dessen Macht jeder von uns steht. Er ist totund ich lebe! Das ist der einzige Vorteil, den ich über ihn errang.Aber der Tote erwacht, wenn man ihm durch seine Werke hindurchin die Seele schaut. Da wirkt noch eine Kraft, die nicht mit be-graben wurde, eine Kraft, die nur von einem großen Menschenausgeht, einem Unsterblichen. Cornelius ist noch nicht überwunden.Er ist einer der Wenigen ans der Frühzeit unseres Jahrhunderts,der uns noch einmal überwinden wird. So denke ich, weil ichschon einmal mit ihm fertig zu sein glaubte. Nicht wird er aufdie Massen wirken, wie Grimm hoffte, nicht werden unsere Künstlerseine Denk- und Schaffensart wieder aufnehmen, aber wer Geschichteerkennen will, wird seinem Gedankengange wieder mit Anfmerk-