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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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244 V. Die Romantiker.

Gruppe fertig und suchten die Leute, welche die einzelnen Rollenübernehmen konnten; waren sie doch glücklich, iin Malerfreundedas Modell zu finden, das ihren Gedanken aufnehmen und dar-stellen konnte. An Karl Friedrich Lessings Bildern nenntman noch heute die einzelnen Maler, welche ihm diesen Freund-schaftsdienst leisteten. Der Graf Athanasius Raczynski , der 1836begeistert eiu Buch über die Schule der sehr jugendlichen Düssel-dorfer schrieb, erzählt, zu Lessings Trauerndem Königspaar habeSchadow selbst Modell gesessen. Welchen Wert, fragt er, wirdnicht diese Skizze haben! Er meinte, sie sei der Anfang einerneuen Zeit, einer Umwälzung des gesamten europäischen Schaffens,einer Durchdringung der Natur mit dem hohen Geiste gesteigerterErkenntnis vom Werte der Idee in der Kunst.

Man bedenke wohl, daß Schelling als Lehrer der nun zurThat werdenden Ästhetik sich um das Naturschöne gar nicht kümmerte,daß ihm nnr ein Kunstschönes galt. Daher mußte er auch dieNatur als Vorbild der Kunst leugneu, ja er betrachtete die Kunstals Grundlage für die Beurteilung der Natur. Die Maler suchtenin der Natur uach den in ihren Entwürfen festgestellten idealenGestalten. Daß sie sich nicht mit dem reinen Knnstschönen, nämlichdem EntWurfe begnügten, sondern diesen an der Natur prüfen wollten,das ist ihr Realismus, um den sie so viel gefeiert nnd so vielangegriffen wurden. Cornelius hielt dies für ein Herabziehen derKunst in die platte Wirklichkeit. Denn das Modell ist, wie seinlitterarischer Schildknappe Niegel ausführt, doch nnr eine Krücke,an der der Künstler, der nicht gehen kann, wenigstens zu hinkenversucht. Dieser müsse die Figur beherrschen, die Natur soweitkennen, daß er aus ihr heraus freischaffend den Entwurf in allenTeile vollenden könne. Dagegen warf Schadow Overbcck und ver-steckt auch Cornelius vor, daß sie das Naturstudium, wenn auchnicht für sich, so doch für ihre Schüler zu sehr vernachlässigten.Nicht jeder habe das erstaunliche Formengedächtnis wie sie; unddiese müssen unweigerlich in Manier verfallen. Da jedoch nichtsschwieriger sei als die zweckmäßige Anwendung der Naturstudienauf den gegebenen idealen Gegenstand, und da jedes Kunstwerkentweder eine zu wenig oder zu viel naturalistische Seite habe, so