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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Nomantiker.

maßlosen Wege das Erhabene zu erreichen weiß. Ihm drängt sichdie Antike alsbald als Vergleichsgegenstand vor die Augen. Sieist ihm kurzweg das Schöne. Die Gotik ist ihm ein Werk desÜbermutes künstlerischen Beginnens, also eine Verirrung, doch eineso große, daß sie erhaben wirke.

Es war dies ein anderer Ton, wie der von denGeschmäck-lern" angeschlagene, die in der Gotik im Grunde nur eine ArtNatnrcrzengnis sahen, gerade gut, neben Felsen, Bäumen undSträuchern an der Erweckung melancholischer Empfindungen mit-zuwirken. Racknitz hat in seiner Geschichte des Geschmackes dieGotik noch im Grunde in der gleichen Weise behandelt, wie denGeschmack von China oder Kamtschatka , als eine fremdartige unddarum für die Betrachtung lehrreiche Form. Doch erkannte er diegrößere malerische Wirkung der gotischen Gebäude gegenüber derkastenförmigen Ausicht der nach griechischem Stil errichteten an,wenn ihn gleich die unerträglichen Verschnörkelungen und Gro-tesken im Einzelnen abstießen ebenso wie das Streben den Gliedernmehr Leichtigkeit als Stärke zu geben. Dennoch empfiehlt er schondie Gotik als für den protestantischen Kirchenbau geeigneter, alsdie Antike und führt als Beweis hierfür Johann CarlFriedrich Dauthes seit 1784 erfolgten Umbau der Nikolai-kirche in Leipzig an. Dies Werk ist denn auch in hohem Gradebeachtenswert. Denn es ist sast das einzige in Deutschland , dasErnst mit dem Gedanken macht, den damals alle, auch Goethe undForster mit der Gotik verbanden, daß nämlich das Innere der mitNetzgewölben überdeckten Kirchen einen idealisierten Wald darstelle:In ungeheurer Länge stehen im Kölner Dom , sagt Forster, dieGruppen schlanker Säulen da, wie die Bäume eines uralten Forstes;nur am höchsten Gipfel sind sie in eine Krone von Ästen gespalten,die sich mit ihren Nachbarn zu spitzen Bogen wölbt und dem Auge,das ihueu folgen will, fast unerreichbar sind! Dauthe hatte diePfeiler der spätgotischen Hallenkirche iu Säulen umgestaltet, dasreiche Rippenwerk aber mit Palmenwedeln aus Gips bekleidet undso dem Gedanken der Zeit über die gedankliche Unterlage der Gotikin einer entschiedeneren, klareren Weise zum Ausdruck gebracht, alsdies dem dunklen Mittelalter möglich gewesen wäre. So hatte er