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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Ihre Anfänge, Englische Vorbilder. Deutsche Auffassung. 255

die Gotik mit dem Grundgedanken, daß wahre Schönheit nur inder deutlichen Ausgestaltung eines Gedankens zu sucheu sei, versöhnt.

Seit dem neuen Jahrhunderte mehrten sich die Zeugnisse einerunmittelbaren Begeisterung für die gotischen Dome. Die Seelenwaren auf das Ergrisfenwerden gestimmt, sanden es unter denSpitzbogen der alten Kirchen uud suchten nach der Formel zurErklärung des geheimnisvollen Vorganges.

Eine weit ausgedehnte englische Litteratur über alte Baukunstwar der deutschen vorausgegangen: Hall, Warton, Bentham , Grose,Milner, Whittiugton, Hawkins und vor allem John Brittou hattesich der Erforschung der heimischen Altertümer gewidmet. Der Stein-druck wurde iu England früh herangezogen, um die Aufnahmen derReisenden zu vervielfältigen. Dazu kam, daß sie eine zwar nicht ankünstlerischen Ergebnissen, wohl aber an Umfang reiche Banthätigkeitentwickelten. Schon griffen die Forscher nach Frankreich hinüber,sanden in der Normandie die Quellen des eigenen Mittelalters,suchten Verbindungen von Land zu Land. Jene Liebe für dasHeimische, jenes Beleben der Ruinen nicht nur mit den Seufzernschwärmender Mönche, sondern mit dem frohen Lachen und demFestesglanz von Walter Scotts Romanen machte sich weithin geltend.Altertumsforscher, Sammlungen überall, eine Freude am Geschicht-lichen , ein Vertiefen in das Werden des eigenen Volkes.

Auch in Deutschland ähnliche Bestrebuugeu, ein Versenken indie Bauten. Friedrich Gilly zeichnete l794 die Marienburgund gab darüber ein Werk heraus. Eine tiefe Begeisterung faßteihu für das Schloß christlicher Ritter. Ähnliche Arbeiten mehrtensich bald. Neben der zeichnerischen Darstellung suchte man nachästhetischer Würdigung. Mau erkauute, daß der Zweck der alteuKünstler nicht war, durch ucttc, schmucke Verzierungen zn belustigen.Sie wollten, so heißt es, nicht Jovialität uud Wollust wie die Griechen,die in allen ihren Musenkünsten keinen ernsthaften Zweck kannten,deren Gottesdienst eine Reihe von Spielen machte und die ihre Andachtin Tanz, Musik und Gesang setzten; sondern sie wollten feierlicheRührung und Andacht erwecken. Der Betende sollte sich in den goti-schen Domen der Gottheit näher gerückt glauben, die er hier verehrte.Denn die Bauleute von damals kannten den mächtigen Einflnß der