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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

Baukunst zur Erregung sittlicher Gefühle und zugleich die über allesgroße Wirkung der Natur zur Hervorbringuug erhabener Eindrückezu gut, als daß sie die christlichen Tempel den Wäldern nichthätten ähnlich macheu sollen, in denen auch schon unsere Vorfahrendas Wesen aller Wesen verehrt hatten. A. W. Schlegel erkannte dergotischen Bauknust die höchste Bedeutung zu. Wenn sich die Malereinur mit schwachen, unbestimmten, mißverständlichen Andeutungendes Göttlichen begnügen müsse, so könne die Baukunst das Unend-liche gleichsam unmittelbar darstellen und vergegenwärtigen, dnrchdie bloße Nachbildung der Naturfülle auch ohne Anspielung aufdie Idee und die Geheimnisse des Christentums. I. C. Costenoble,als der erste, der ein Lehrbuch der Gotik herausgab, that dies inder Erkenntnis, daß man bisher im reinen Stil der Gotik nicht einmaldas kleinste Gebände zu schaffen wisse. Man habe über die Kunstder gauzen Welt genaue Kenntnis, nur nicht von der des eigenenVolkes. Galt es doch vor allem dem Worte die höhueude Be-deutung des Barbarischen zu nehmen. Man mache, sagt Sulzer,eineu im niedrigen Stande geborenen und unter dem Pöbel auf-gewachsenen Menschen ans einmal groß und reich, so wird er,wenn er in Kleidung, in Manieren, in seinen Häusern und Gürtenund in seiner Lebensart die feinere Welt nachahmt, in allen diesenDingen gotisch sein. Diesem Ästhetiker war die Gotik also nochlediglich eine roh aufwändige Kunst, der es am Schönen, am An-genehmen nnd Feinen fehle. Noch Schiller gebrauchte das Wortgotisch im Sinne von ungeheuerlich. Nun, nach Costenobles Vorgang,galt es die Denkmale selbst zu fragen, durch Vergleichen und Messensie auf ihre Gesetze zu prüfen. C. L. Stieglitz, der Leipziger Ge-lehrte, führte das 1820 durch eiu zweites, mehr geschichtlich und aufgrößere Denkmalkeuutnis begründetes Lehrbuch Altdeutscher Bau-kunst das Wissen weiter. Mögen seine Begriffe über den ästhetischenWert der gotischen Bauglieder, über ihre Herkunft und Geschichteheute vou uns als noch so unrichtig erkannt werden, die Absicht, dieMasse des Gesehenen zu gliedern, das Werden zu verstehen, wirktetrotzdem auregend, namentlich aber die mit fester Überzeugung dar-gelegte Ansicht, daß die reingotische Bauart iu Deutschland ausgebildetworden sei und zwar in dessen goldener Zeit, in der sich Kunst-