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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Deutsche Auffassung. Gotische Deukmalcr.

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sinn mit Frömmigkeit gepaart habe, in den Jahren van Eonrad I.bis auf Heinrich IV. , also vom Anfang des 10. bis znr Mitte des11. Jahrhunderts. Damals wären die Gefühle der Deutschen nochstark, rein, der Natnr getreu, unverfälscht gewesen wie der deutscheWein. Stimmen diese Angaben auch uicht ganz mit den später er-wiesenen Thatsachen, so führten doch Costenobles und StieglitzensUntersuchungen zu eiuer besseren geschichtlichen Auffassung der Ban-sormen. Die so beliebten Vergleiche mit dem Walde hörten balddaraus aus. Noch Tieck kämpfte mit dieser Ansicht vom Wesen derGotik, iudciu er eine tiefere Allegorie suchte. Er ist kein Banm,sagte er vor dein Straßbnrger Münster , kein Wald! Nein, dieseallmächtigen, unendlich wiederholten Steinmassen drücken etwas Er-habeneres, ungleich Identischeres aus! Es ist der Geist des Meuscheuselbst, seine Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbuudeu, seinkühnes Riesenstreben zum Himmel, seine kolossale Dauer und Un-begreislichkeit. Ein bezeichnender Ausspruch: Diese Steinmassen sindfür Tieck allmächtig, unendlich! Der Turm des Münsters ist uachnüchternen Messungen 142 Meter hoch. So klein stellt sich Tieck dieUnendlichkeit vor, oder so groß ist bei ihm die Unklarheit der Phrase!

Man nannte die gotischen Türme Springbrunnen in Stein,man fand vor allem für die gesamte Richtung des mittelalterlichenBauwesens das Wort himmelanstrebend! Es ist vorzüglich gewähltund hat doch wahre Verwüstungen augerichtet. Die Gotik weistuach oben; oben ist Gott ; also weist die Gotik ans Gott; mithin istsie fromm; ist sie in der Form kirchlich, selbst wo sie nicht Kirchenbaut. Und so hat allein die himmelanstrebende Gotik die Gemütergepackt, lange Zeit. Der eine formensinnbildliche Gedanke entschädigtefür alle Leerheit und Dürftigkeit der Ausführung. Es schien, alshabe mau deu Bau nicht geradezu augeseheu, sondern nur mit nachoben gerichteten Augen. Verzückung statt Urteil; eiue Verzückung,der mit so wenig Kunst gedient war.

Einen weiteren besonderen Wert gab der Begeisterung sür dieGotik seit dem neuen Jahrhundert die Erkenntnis, daß in ihr dernationale Stil liege. Es hat dabei wenig zu besagen, ob diese Er-kenntnis richtig oder falsch sei, ob wirtlich Deutsche die Erfinderder Gotik waren, ob sie, wie man damals noch annahm, ans dem

Gurlitt, IS. Jahrh. 17