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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Die Bildnismalerei. Die Tendenzmalerei. K. F. Lessing. 339

falschmünzern zum Untergang geboren; denn die Maschine gebe dasihnen so schmackhafte Detail besser wieder. Die Regimenter schreck-licher Porträtmaler hätten den Todesstoß! Handfertigkeit, Gedanken,denen jeder Topfbinder nachkommen kann, bezeichne man heute alsKunst! Preller war, wie viele zu jener Zeit, der Ansicht, die Photo-graphie werde den Realismus umbringen, da die Maschine die Dingerealistischer wiedergebe, als der Mensch es könne, selbst wenn er sichzur Maschine erniedrige. Wie sehr haben sie sich getäuscht!

In Deutschland setzte die realistische Geschichtsmalerei bei denDüsseldorfern zuerst ein. Neben Lessing steht dort der Halb-amerikaner Emauuel Leutze an erster Stelle, der für die deutscheuKünstler auch als Gründer der Kuustgenossenschaft von Bedeutungwar. Leutze malte Vorgänge aus der englischen und amerikanischenGeschichte, und wenn er vielleicht Wests und Copleys verwandteDarstellungen auch nicht genauer kannte, so schwebten ihm doch ge-gewiß die Stiche nach deren Bildern vor Augen, die er in Amerika in jedem Hause siuden konnte. Mit diesen hat er gemein, daßer nichts geben wollte als die That, den geschichtlichen Borgang.Wellingtons Übergang über den Delaware ist ein Bild, welchessich tief ins Gedächtnis der Amerikaner eingeprägt hat, weil inihm das Pathos minder aufdringlich ist als sonst in den Bildernder Zeit.

Anders bei K. F. Lessing. Er kann sich, so sehr er anch ver-sicherte, ohne Nebenabsichten zn schaffen, der Seitenblicke auf die eigeneZeit nicht enthalten, wenn er das 15. und 16. Jahrhundert malt.Huß und Lnther schauen sich nach dem Beifall der liberalen Parteinm und trotzen dein jüngsten Ultramontanismus. In seinen Bildernsand das zeitgenössische Urteil melancholische Hinneigung zn jenersubjektiven Tragik, die nicht selten durch Maugel an einer höherenVersöhnung einen fatalistischen Beigeschmack erhalte, ohne jedochaus der Grenze schönster Realität herauszufallen. Das Urteilscheint mir gut, obgleich ich es nicht ohne weiteres verstehe. Da-mals, als es gefällt wurde, wußte wohl jedermann, was subjektiveTragik ist; ich aber mußte erst in älteren Lehrbüchern der Ästhetiknachschlagen. Tragisch ist nach diesen, Aristoteles folgend, ein

Ereignis, das zugleich Mitleid mit dem von ihm Betroffenen und

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