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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

Furcht für den Zuschauer, also Mitfurcht erweckt. Subjektivtragisch nannte die Ästhetik nach einigen kleinen Wanderungen imIrrgarten der Logik ein Ereignis, bei welchem sich der Betroffeneleidend, nicht handelnd verhält. Also Lessing hat eine trübseligeHinneigung für leidendes Heldentum. Die Tragödie fordert einenversöhnenden Abschluß. So will es das Gesetz der Antike. Ohnedieseu ist das Drama fatalistisch, ein solches, das nicht nach einerhöheren, ordnenden Weltweisheit uud Allmacht, sondern nach demWalten blinder Zufälligkeiten geregelt erscheint. Also sagt dasUrteil: Lessing habe in seinem Schauspiel nicht die Handelndenuud nicht höhere Weltordnuug, sondern die unter blindem SchicksalLeidenden dargestellt. Dieses Urteil faßte seine Bilder also alseine Seene aus dem Theater auf und wollte zugleich alle fünfAkte auf einmal sehen. Das Gegenwärtige genügte ihr nicht. Sosehr sich Lessing , als Großneffe Gotthold Ephraims, mühte in denNebengestalten die einzelnen Stufen des Verständnisfes seiner Helden,von Feindschaft, Versöhnung und aufdämmernder Bewunderungdarzustellen, die Kritik fand immer noch nicht des GroßonkelsLehren genug beachtet, nicht genug Beziehungsreiches, wollte immernoch mehr Theater sehen, beurteilte ihu ganz nach diesem. Dafüraber galt seine Realität für schön. Das heißt, sie ist nicht ganzeSachlichkeit, sondern aus dieser zur Schönheit erhoben. Es waralso die Forderung der Ästhetik und mit ihr die malerische Er-füllung durch Lessiug, noch die altidealistische, die vor allem nach deniInhalt als einem Dramatischen und mithin schriftlich Faßbaren, dannnach der Form als einer schönhcitlichen und zuletzt nach der Sach-lichkeit fragte. Die Realität ist höchstens Substrat, Unterlage, ausder die geschichtliche Kuust erst durch dramatische Belebung hervorgeht.

Und doch war in Lessings Bildern eine starke erlösende Kraft.Das nicht Darstellbare in ihnen barg diese in sich. Nämlich daßsie ins Tagesleben eingriffeu, daß sie aus der Behaglichkeit einesentlehnten Idealismus heraustraten und wieder in die eigene Zeithinüberführten. Seine Tendenz, die er in allen Tonarten alsunbeabsichtigt erklärte, die sich aber doch den im öffentlichen Lebenseiner Zeit Heimischen, mit seiner Zeit Fühlenden deutlich be-kundet, ist wohl für den Nachlebenden abgestanden, wirkungslos,