Verknüpfung mit der Gegenwart.
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wie es jede dem Tage gewidmete Äußerung ist: Sie schwindet mit deinTage dahin. Aber es ist doch ein modernes Leben in diesen Bildern.Die fatalistische Richtung der trauernden Könige und Juden wirdüberwunden, das in Sack nnd Asche über das geistige Elend derZeit klagende Volk ist nun ein am geistigen Kampfe teilnehmendesgeworden. Wohl tritt es noch in fremder Tracht ans; verkleidetin ein vergangenes, als großer gefeiertes Jahrhundert. Aber die einenjubelten auf, daß ihnen die der Zeit nötige Wahrheit in erhöhterForm und Farbe gesagt würde, die anderen empfanden die Bilderals beleidigenden Schlag. Lessings Lehrer, Schadow, gab jedenVerkehr mit dem Maler der Reformationsgeschichte auf. PhilippVeit legte sein Amt als Museumsleiter in Frankfurt a. M. nieder,als der Huß vor dem Konzil gekauft wurde. Die katholischeRichtung hatte ihr Eude erreicht, der geschichtliche Geist hatte denfrömmelnden in der Kunst abgelöst. Der Erbitterte, der auf einerAusstellung die Leiuwaud von Lessings Huß auf dem Scheiter-haufen mit dem Messer zerschnitt, hat ihm die lauteste Anerkennungausgesprocheu. Das Bild hatte die Beschauer gepackt durch seineBedeutsamkeit sür die Gegenwart in Haß und in Begeisterung ver-setzt. Es hatten den Inhalt der Kunst wieder mit dem Lebenverknüpft, nachdem er so lauge nnr mit den Büchern der Griechenoder der jüdisch-christlichen Urzeit verschwistert gewesen war. AlleParteien empfanden dies. Auch die Katholiken begannen wiederMärtyrerbilder zu malen, ihre Sieger in ihren Leiden durch dasBild zu feiern, nachdem Lessing ihnen diese der Gegenreformationeigene Kunstart vorweg genommen hatte.
Was hier Lesfing und Leutze thaten, auch hinsichtlich derRückeroberung der Farbe, muß ihnen unvergessen bleiben. Sielassen die Maler geschichtlicher Gleichgültigkeiten, das heißt solcher,die an sich wohl sehr folgenreich für irgend ein Land und Volkoder eine Zeit, für die damals lebenden Deutschen aber vougeringem Belang waren, weit hinter sich; schreiten als Träger einesin Deutschland sich entwickelnden geschichtlichen Sinnes, als wahreFührer vorwärts. Und wenn man die eigentlich künstlerische Seiteihres Schaffens betrachtet, so erweisen sie sich als regsame Kämpferfür Ergründnng des Lebens in Form uud Farbe. Sie wurde»