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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

nischen Aufstand von 1830 so, daß sich die Polen , kampsend wieKriegsgötter, ans die Kanonen stürzten nnd sie nahmeil, wie manBlnmen bricht; während die Russen, seige Meuchelmörder, aus demDickicht der Wälder heraus schössen. Die deutschen Künstlermalten damals die Schlachten ähnlich. Erst als sie seit 1864Kriege mitgemacht hatten, erkannten sie, das; die seige Meuchel-mörderei, gute Deckung zu suchen, auch bei minder niedrig stehendenVölkern als den vertierten Schergen des Kaisers Nieolans mitVorliebe betriebeil wurde. Man kämpfte um eine große Sache uud sah nicht darauf, ob man schöne Figur dabei machte. Und wennman den Kampf durch Bleibtreu dargestellt sieht, so will es eineinnicht recht in den Sinn, daß auch hier farbige Haltung und künst-lerischer Aufbau, die den Künstler aus dem Sklaveutum der Wirk-lichkeit herausreißen sollen, über der wahrsten Wahrheit stehen, sowenig wie der Schlachtenbericht mehr der Schönheit als der Wahr-heit zil Liebe anfgebant werdeil soll. Die Romantik hielt dieMalerei für eine dichterische Knnst, die Neuen halten sie für eineKunst des Thatsächlichen. Jene stellte die Schönheit über die Wahr-heit, diese sucht die Schönheit in der Wahrheit.

Wohl aber unterscheidet eines die französische von der deutschenSchlachtenmalerei. Bei uns tritt die Absicht der Selbstverherrlichnngnicht so deutlich hervor, wir wollen uicht den Gegner höhnen. Ohneein bißchen Großthuerei und ein bißchen Anklage geht es sreilichauch bei uns nicht ab. Die Dänen werden sich anch Bleibtreus Er-stürmung von Alsen mit ähnlichem Gefühl des Mißbehagens ansehen,wie wir uns auf manchem französischen Bild. Der Sieger hat ja imallgemeinen leichter, großmütig zu sem; der Schlachteuhaß hat sich imSiege gekühlt; es muß unserem Empfinden schmeicheln, den Über-wundenen als Helden seiern zu können, denn wir feiern mit ihmuns selbst, seinen Besieger. Daher die französische Vorliebe für dasGenre; dort kommt es daraus au, den einzelnen Franzosen alsden besseren Mann selbst in der Niederlage zu schildern, denWiderstand gegen den Sieg, den Letzten, Ansharrendsten derroheil Übergcwalt in Selbstopfernng entgegenstellten. Und dastraf mit der nervösen Freude am Grausigen, am hoffnungslosenVernichten zusammen. Vorgänge, wie die Franzosen sie in ihren